Stadtspaziergang: Friedhöfe der Innenstadt
Auf den Spuren des Todes im alten Wien
- Dauer: ca. 2–2,5 Stunden
- Beste Zeit: Vormittag oder später Nachmittag
- Hinweise: Einige Orte (Domkrypta, Kapuzinergruft, Herzgruft) sind kostenpflichtig zugänglich. Bequeme Schuhe empfohlen – Kopfsteinpflaster!
Im 1. Bezirk erinnern viele Kirchen, Plätze und Innenhöfe an die einstige Präsenz von Friedhöfen mitten im Stadtgefüge. Bis ins späte 18. Jahrhundert wurde in Wiens Zentrum bestattet – direkt neben Kirchen, in Klosterhöfen, in Krypten, unter Häusern.
Der Spaziergang führt zu den bekanntesten Grablegen der Innenstadt, macht aber auch die vergessenen, verborgenen Friedhöfe sichtbar – von mittelalterlichen Pestfriedhöfen bis zu barocken Gruften. Dabei begegnen uns auch Fragen nach Erinnerungskultur, Ritualen und dem städtischen Umgang mit dem Tod.
Ein stiller Weg durch die tiefere Geschichte Wiens.
CityABC Friedhöfe 1Bezirk Karte.html
✝ Station 1: Stephansdom – Domkrypta & Allerheiligenkirche
- Ort: Stephansplatz, 1010 Wien
- Empfohlene Verweildauer: 20–30 Minuten (mit Kryptabesuch)
Datei:Wien - Stephansdom Domkrypta Schädelkammer.jpg
Der Friedhof rund um den Stephansdom war bis ins 18. Jahrhundert die zentrale Begräbnisstätte der Innenstadt. In unmittelbarer Nähe wurden jahrhundertelang Wiener Bürger:innen, Geistliche und auch Adelige bestattet.
Im Dom selbst erinnert besonders die Domkrypta an diese Praxis: Hier ruhen die Innereien der Habsburger (in Urnen), zahlreiche Kanoniker, Bischöfe und Pestopfer. Eindrucksvoll: die Gewölberäume mit meterhohen Gebeinhaufen und die Herzogsgruft mit Prunksarkophagen.
Auch die Allerheiligenkapelle (ehemals Kirche eines benachbarten Friedhofs) ist erhalten – heute als liturgischer Raum unterhalb der Westempore zugänglich.
Der Domplatz selbst war Teil des Friedhofs – umgeben von Beinhäusern, einem Karner und zahlreichen Kapellen. Mit Josephs II. Verbot innerstädtischer Begräbnisse (1783) endete diese Nutzung abrupt.
✝ Station 2: Peterskirche – Friedhof und Pestgedenken
- Ort: Petersplatz, 1010 Wien
- Empfohlene Verweildauer: 10–15 Minuten
Die Peterskirche zählt zu den ältesten sakralen Stätten Wiens. Bereits in der Spätantike soll sich hier ein römisches Oratorium befunden haben. Ab dem 9. Jahrhundert entstand eine Taufkirche – mit zugehörigem Friedhof.
Der heute barock überformte Kirchenbau steht auf mittelalterlichem Fundament. Rund um die Kirche erstreckte sich ein Friedhof, der bis ins 17. Jahrhundert genutzt wurde. Besonders in Pestzeiten wurden hier viele Tote bestattet.
Ein Gedenkkreuz beim Eingang erinnert heute an diesen Pestfriedhof. Auch in der Gruft unter der Kirche befinden sich Bestattungsplätze – darunter Grüfte bedeutender Priester und Stifter.
Der barocke Neubau von 1701 ließ zwar den Friedhof verschwinden, doch die jahrhundertelange Begräbnisgeschichte ist unter dem Petersplatz buchstäblich eingeschrieben.
✝ Station 3: Ruprechtskirche – Spätantiker Friedhof & älteste Kirche Wiens
- Ort: Ruprechtsplatz, 1010 Wien
- Empfohlene Verweildauer: 10 Minuten
Die Ruprechtskirche gilt als älteste Kirche Wiens. Archäologische Funde deuten auf eine Nutzung ab dem 8./9. Jahrhundert hin – und sogar spätantike Siedlungsspuren.
Bereits vor dem Kirchenbau existierte an diesem Ort ein frühmittelalterlicher Friedhof. Bei Grabungen wurden Gräber aus karolingischer Zeit mit Beigaben und Ziegelabdeckungen freigelegt – ein Hinweis auf eine fortdauernde Nutzung als Begräbnisstätte bis ins Hochmittelalter.
Die erhöhte Lage am Hang über dem Donauarm bot Schutz vor Überschwemmungen – ein wichtiger Faktor bei der Anlage von Kirchen und Friedhöfen.
Heute ist der Friedhof vollständig verschwunden, doch das Areal rund um die Kirche erzählt als Bodendenkmal noch von seiner Funktion als früher Bestattungsplatz.
✝ Station 4: Franziskanerkirche – Klosterfriedhof & Franziskusverehrung
- Ort: Franziskanerplatz 4, 1010 Wien
- Empfohlene Verweildauer: 10–15 Minuten
Datei:Franziskanerkirche Wien außen.jpg
Hinter der barocken Fassade der Franziskanerkirche verbirgt sich ein spätgotischer Kirchenraum mit reicher Geschichte. Das angrenzende Kloster wurde 1607 gegründet – samt eigenem Innenhof-Friedhof.
Der Klosterfriedhof diente ausschließlich der franziskanischen Gemeinschaft: Patres, Brüder und vereinzelt enge Stifter wurden hier bis ins 19. Jahrhundert bestattet. Die Grabplatten waren teilweise im Boden eingelassen, viele davon heute nicht mehr erhalten.
Der Ort war auch Zentrum franziskanischer Volksfrömmigkeit: Gläubige kamen zu St. Antonius von Padua, baten um Fürsprache, spendeten für Totengedenken und Seelenmessen.
Einige Elemente des Klosterfriedhofs – etwa die Gruftzugänge – sind heute nur noch im Innenbereich zugänglich. Der Franziskanerplatz selbst ist ein stiller Ort, an dem das klösterliche Wien sichtbar wird.
✝ Station 5: Augustinerkirche – Herzgruft & Totengedächtnis der Habsburger
- Ort: Augustinerstraße 3, 1010 Wien
- Empfohlene Verweildauer: 15 Minuten (mit Besuch der Herzgruft)
Datei:Augustinerkirche Herzgruft.jpg
Die Augustinerkirche war über Jahrhunderte hinweg Hof- und Ordenskirche – und zugleich ein zentraler Ort für das Totengedächtnis des Hauses Habsburg.
Die sogenannte *Herzgruft* unter der Loretokapelle beherbergt silberne Urnen mit den Herzen von 54 Habsburger:innen – darunter Maria Theresia, Kaiser Franz Joseph und Erzherzog Rudolf. Die Körper der Verstorbenen wurden getrennt bestattet: Herz, Eingeweide und Leichnam erhielten eigene Ruhestätten.
Diese Praxis der „Getrennten Bestattung“ symbolisierte den Wunsch, das Herz dem Glauben oder der Kirche anzuvertrauen. In der Loretokapelle erinnert ein Kruzifix aus Elfenbein und Silber an diese tiefe Verbindung zwischen Tod und Transzendenz.
Auch liturgisch war die Augustinerkirche Ort zahlreicher Totenmessen, Gedenkfeiern und Hofbegräbnisse – ein Raum, der den Tod nicht verdrängt, sondern bewusst ins Zentrum stellt.
✝ Station 6: Kapuzinergruft – Begräbnisstätte der Habsburger
- Ort: Tegetthoffstraße 2, 1010 Wien
- Empfohlene Verweildauer: 20–30 Minuten
Datei:Kapuzinergruft Wien Sarg.jpg
Die Kapuzinergruft ist die wichtigste Grablege des Hauses Habsburg – seit 1633 wurden hier fast 150 Mitglieder der Dynastie bestattet. Die Gruft liegt unter der Kapuzinerkirche, die von Kaiserin Anna gestiftet wurde.
Die monumentalen Sarkophage – vom barocken Prunksarg Maria Theresias bis zur schlichten Ruhestätte Kaiser Franz Josephs – erzählen von über 400 Jahren habsburgischer Geschichte. In der Mitte des Raumes steht der Doppelsarkophag von Maria Theresia und Franz I. Stephan.
Viele der Särge sind mit Vanitas-Symbolen geschmückt: Totenköpfe, Sanduhren, zerbrochene Säulen. In der Todeskammer ist kein Platz für Herrschaft – die Sprache des Barock erinnert an Vergänglichkeit und Erlösung.
Der Besuch der Gruft ist eindrucksvoll und bedrückend zugleich – ein direkter Blick auf das dynastische Totengedenken mitten in der Stadt.
✝ Station 7: Judenplatz – Mittelalterlicher jüdischer Friedhof
- Ort: Judenplatz, 1010 Wien
- Empfohlene Verweildauer: 15–20 Minuten
Der Judenplatz war im Mittelalter Zentrum der jüdischen Gemeinde Wiens – mit Synagoge, Gemeindehaus, Spital und einem eigenen Friedhof. Dieser lag wahrscheinlich östlich des Platzes, im Bereich der heutigen Häuserzeilen Richtung Tuchlauben.
Bis zur Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung 1420/21 (Wiener Gesera) war der Friedhof aktiv in Nutzung. Überreste sind nicht erhalten, doch bei Ausgrabungen wurden Siedlungs- und Grabspuren entdeckt.
Das Museum am Platz dokumentiert diese Geschichte eindrucksvoll. In der Ausstellung wird auch auf jüdische Bestattungskultur, Grabinschriften und Trauerrituale eingegangen.
Heute erinnert das Mahnmal von Rachel Whiteread an die Opfer der Shoah – ein stiller Ort, der auch an die älteste jüdische Begräbniskultur Wiens erinnert.
✝ Station 8: Wipplingerstraße 8–10 – Maria-Magdalena-Kapelle & vergessener Friedhof
- Ort: Wipplingerstraße 8, 1010 Wien
- Empfohlene Verweildauer: 10 Minuten
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Im Innenhof des Alten Rathauses lag einst die Maria-Magdalena-Kapelle, die im 13. Jahrhundert als Ratskapelle errichtet wurde. Sie war der biblischen Büßerin Maria Magdalena gewidmet – einer Heiligen mit starker Verbindung zum Totengedächtnis.
Rund um die Kapelle befand sich ein kleiner Friedhof, der nachweislich bis ins 16. Jahrhundert genutzt wurde. Hier fanden vor allem Ratsdiener, städtische Bedienstete und Angehörige der unteren Verwaltungsschichten ihre letzte Ruhe.
Bei Bauarbeiten im 20. Jahrhundert wurden menschliche Knochen und Grabstrukturen entdeckt – ein stummer Beleg für die einstige Friedhofsnutzung mitten im Verwaltungszentrum der Stadt.
Heute erinnert nichts Sichtbares mehr an die Begräbnisstätte – der Ort ist ein Beispiel für die vielen verlorenen Friedhöfe der Innenstadt.
✝ Station 9: Jesuitenkirche – Klosterfriedhof & Professhaus
- Ort: Dr.-Ignaz-Seipel-Platz 1, 1010 Wien
- Empfohlene Verweildauer: 10–15 Minuten
Die Jesuitenkirche war Teil des ehemaligen Jesuitenkollegs und Professhauses – eines der wichtigsten Bildungszentren der Barockzeit. Zu jedem solchen Kolleg gehörte auch ein Klosterfriedhof, meist im Innenhof oder in einem Seitengarten.
Obwohl keine sichtbaren Gräber erhalten sind, sind im Archiv zahlreiche Beisetzungen von Ordensmitgliedern, Professoren und Novizen belegt. Auch einige Wohltäter der Universität wurden hier beerdigt.
Das benachbarte Areal der Alten Universität war ebenfalls durchdrungen von religiösem Leben – Messen, Gedenkfeiern, Seelenmessen waren fester Bestandteil der akademischen Kultur.
Die Klostergruft existiert bis heute, ist jedoch nicht öffentlich zugänglich. Sie steht sinnbildlich für eine verborgene Bestattungspraxis im intellektuellen Zentrum der Innenstadt.
☕ Station 10: Café Frauenhuber – Totengedenken trifft Kaffeehauskultur
- Ort: Himmelpfortgasse 6, 1010 Wien
- Empfohlene Verweildauer: 20–30 Minuten
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Das Café Frauenhuber ist das älteste bestehende Kaffeehaus Wiens – seit 1824 in der Himmelpfortgasse. In den historischen Räumen traten einst Mozart und Beethoven auf, heute lässt sich hier der Spaziergang bei Kaffee und Mehlspeise abschließen.
Was hat das mit Friedhöfen zu tun? Das Lokal befindet sich unweit ehemaliger Begräbnisstätten: Die Augustinerkirche, die Kapuzinergruft, der ehemalige Friedhof an der Jesuitenkirche – sie alle liegen nur Schritte entfernt.
Viele Wiener:innen pflegten den Brauch, nach Begräbnissen ins Kaffeehaus zu gehen – zum „Leichenschmaus“, zur Erinnerung, zum Reden und Schweigen. Diese Kultur lebt in Lokalen wie dem Frauenhuber weiter.
Ein Ort der Kontinuität: Musik, Geschichte, Vergänglichkeit – in der Tasse, im Gespräch, in der Stadt.
