Stephansdom: Kapitelsaal

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Stephansdom
Kapitelsaal


Stephansdom: Kapitelsaal
Heiltumstuhl und alte Sakristei
Der Raum südlich des Mittelchores war einst Heiltumsakristei, später Winterchor und ist heute Kapitelsaal

Der heutige Kapitelsaal ist der älteste erhaltene Sakristeianbau des Stephansdoms. Er liegt südlich des Mittelchores unmittelbar neben der Hauptapsis und entstand um 1340 gemeinsam mit dem Chorbau. Ursprünglich war er die sogenannte Heiltumsakristei, also der besonders gesicherte Aufbewahrungsort für die Reliquien des Doms.

Im Lauf der Zeit änderte sich die Nutzung des Raumes mehrfach. Aus der Heiltumsakristei wurde die alte Sakristei, zwischen 1904 und 1917 diente der Raum als Winterchor, und heute ist er Sitzungsraum des zwölfköpfigen Domkapitels.

Bauzeit: um 1340
Frühere Namen: Heiltumsakristei, alte Sakristei, Winterchor
Lage: südlich des Mittelchores, direkt neben der Hauptapsis
Ursprüngliche Funktion: Aufbewahrung des Reliquienschatzes von St. Stephan
Heutige Funktion: Sitzungsraum des Domkapitels
Besonderheiten: ältester Sakristeianbau des Doms, steinplattengedecktes Sicherheitsdach, spätmittelalterliche Wandmalereien an der Außenseite

Geschichte

Der Kapitelsaal ist der älteste erhaltene Sakristeianbau des Stephansdoms. Er liegt direkt südlich der Hauptapsis und wurde – wie der Chor selbst – um 1340 vollendet. In der älteren Überlieferung heißt der Raum Heiltumsakristei, weil hier jene Reliquien aufbewahrt wurden, die den Gläubigen an hohen Festtagen im sogenannten Heiltumstuhl gezeigt wurden.

Der Raum war für diese Aufgabe besonders sicher gebaut. Ursprünglich besaß er wohl keine Fenster und keinen Außenzugang. Auch das Dach war nicht mit Schindeln oder Ziegeln gedeckt, sondern aus großen Steinplatten gebildet, damit die wertvollen Heiligtümer bestmöglich gegen Einbruch und Feuer geschützt waren.

Nach dem Abbruch des Heiltumstuhls diente der Raum weiterhin als Reliquienkammer. Seit 1900 werden die Reliquien jedoch in der Valentinskapelle im Westwerk aufbewahrt.

Von der Heiltumsakristei zum Winterchor

Die ehemalige Sakristei blieb nicht dauerhaft Schatzraum. Zwischen 1904 und 1917 wurde sie als Winterchor für das tägliche Chorgebet der Dompriester genutzt. In dieser Funktion erhielt der Raum eine neue Rolle innerhalb des Domlebens: nicht mehr als verschlossener Aufbewahrungsort, sondern als liturgisch genutzter Innenraum.

Später diente der Raum zeitweise als Depot. Heute wird er als Kapitelsaal verwendet. Hier versammeln sich die zwölf Domkapitulare, denen der Dom rechtlich gehört und die bis heute eine zentrale Rolle im Leben von St. Stephan spielen.

Gerade diese Nutzungsabfolge macht den Raum besonders interessant: Heiltumsakristei, alte Sakristei, Winterchor und Kapitelsaal bezeichnen nicht verschiedene Orte, sondern unterschiedliche historische Funktionen ein und desselben Raumes.

Architektur

Der Kapitelsaal hat seinen gotischen Grundcharakter bis heute bewahrt. Die Gewölberippen ruhen auf fein gestalteten Konsolen. Auch wenn diese im 19. Jahrhundert teilweise stark überarbeitet wurden, ist ihr ursprüngliches Profil noch gut erkennbar.

Der Raum besitzt nur ein kleines Fenster nach Süden auf den Stephansplatz. Diese relative Geschlossenheit hängt mit seiner ursprünglichen Funktion als sicherer Aufbewahrungsort zusammen. Auch der spätere Außenzugang dürfte erst in barocker Zeit geschaffen worden sein.

Gerade im Vergleich mit der barock ausgestatteten Oberen und Unteren Sakristei wirkt der Kapitelsaal strenger und älter. Er zeigt noch deutlich die mittelalterliche Vorstellung eines geschützten, funktionalen Nebenraums am Chor.

Wandmalereien an der Außenseite

An der Außenseite des Kapitelsaals wurden 1942 Wandmalereien aus dem späten 15. Jahrhundert freigelegt. Die Entdeckung erfolgte, als ein Passionsrelief abgenommen wurde. Sie macht deutlich, dass sich an diesem Bereich des Doms noch weitere, lange verborgene Schichten mittelalterlicher Ausstattung erhalten haben.

Gerade in Verbindung mit den anderen Wandmalereien und Bildprogrammen am Stephansdom erinnert dieser Befund daran, dass der Dom ursprünglich wesentlich farbiger war, als man es heute auf den ersten Blick vermuten würde.

Heutige Bedeutung

Heute ist der Kapitelsaal Sitzungsraum des Domkapitels. Damit bleibt der Raum ein lebendiger Teil des Stephansdoms und ist nicht bloß ein historisches Überbleibsel. Seine Bedeutung hat sich verändert, aber nie verloren.

Zugleich bündelt dieser Raum mehrere Epochen des Doms in seltener Klarheit: gotischer Sakristeianbau, mittelalterliche Reliquienkammer, Winterchor des 20. Jahrhunderts und heutiger Kapitelsaal. Genau diese dichte Überlagerung macht ihn zu einem besonders sprechenden Ort im Stephansdom.

Quellen