Michaelerkirche - Rundgang Außen
Ein Rundgang Außen
Westfassade
Die heutige Westfassade der Michaelerkirche ist klassizistisch geprägt und wurde 1772 nach Entwürfen von Heinrich Koch ausgeführt. Mit diesem Neubau ging die mittelalterliche Westfront aus dem 13. Jahrhundert verloren, die durch kleine, kleeblattbogige Fenster gegliedert war.
Der vorgelagerte Portalbau bewahrt jedoch ältere Bausubstanz: Sein oberer Teil stammt noch aus der Romanik der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, während der untere Bereich 1724 von Antonio Beduzzi barock umgestaltet wurde.
Über dem Portal befindet sich die monumentale Skulpturengruppe des sogenannten „Engelsturzes“, geschaffen von Lorenzo Mattielli (um 1723–1725). Dargestellt sind die drei Erzengel Gabriel, Raphael und Michael, wobei Michael als himmlischer Heerführer den gefallenen Luzifer aus dem Himmel stürzt. Die dramatische Bewegung und der starke Hell-Dunkel-Kontrast verleihen der Szene eine außergewöhnliche plastische Wirkung und setzen einen bewussten barocken Akzent innerhalb der sonst klassizistischen Fassadengestaltung.
Gedenktafel Einsatz der Frauen im 1. WK
Die hier angebrachte Gedenktafel erinnert an den Einsatz der Frauen im Ersten Weltkrieg.
Ehre und Dank
den
Frauen Österreichs
für ihr
heldenhaftes Wirken
im
Weltkriege
1914 - 1918
Nordseite
Die Nordseite ist nicht zugänglich, an ihr steht das Große Michaelerhaus.
Südfassade
An der Südseite der Kirche steht seit 1732 das Kleine Michaelerhaus. Schreitet man durch den Durchgang, fällt linker Hand sofort das Ölbergrelief auf.
Das Ölberg-Relief
Das Ölbergrelief im Michaelerdurchgang ist eine spätgotische, bemalte Steinplastik: Christus betet am Ölberg, die Jünger schlafen – und darüber spannt sich ein ganzes kleines „Passions-Theater“ in Stein. Das gewaltige Relief ist 3,85 Meter hoch, 2,6 Meter breit und 70 cm tief.
Im Zentrum steht das Gebet Christi am Ölberg, flankiert von den schlafenden Jüngern. Spannend ist die Staffelung: vorne die großen Hauptfiguren, dahinter ein lebendigerer Figurenhintergrund. In der Deutung wird sogar ein stilistischer Einfluss des bayerischen Bildhauers Erasmus Grasser genannt – vor allem für die bewegteren Figuren im Hintergrund.[2] Das Relief besteht aus feinkörnigem Kalkstein, ein Teil der Figruen besteht aus Holz.
Der Maler Hans Siebenbürger und seine Frau Ursula stifteten das Relief 1480; vollendet wurde es 1494 unter ihrem Schwiegersohn, dem Landschreiber Hans Hueber. Dadurch lässt sich die Entstehung gut in die Zeit des ausgehenden Mittelalters in Wien einordnen, als Andachtsbilder im Stadtraum bewusst gefördert wurden.
Ursprünglich war das Relief an der Friedhofsmauer in einer Nische zwischen zwei Miethäusern angebracht. 1732 kam es an die südliche Außenmauer der Kirche, als das Kleine Michaelerhaus errichtet wurde. In einem Pfarrtext wird der Ort außerdem als Beginn eines alten Stadtkreuzwegs beschrieben – und das Relief damit als „Startpunkt“ einer größeren Andachtslandschaft, die weit über den Michaelerplatz hinausreichte[3]
Was im Relief zu sehen ist
Vordergrund: Gebet am Ölberg
- Christus kniet im Zentrum/vorne auf dem felsigen Hang, die Hände gefaltet – das ist der Moment des Ringens und Betens in Getsemani.
- Der Fels ist terrassenartig aufgebaut; die Szene wirkt wie eine Bühne, auf der Christus „allein“ steht.
Ganz unten: die schlafenden Jünger
- Unten im Bild liegen mehrere Jünger (typisch: Petrus, Jakobus, Johannes), deutlich erschöpft / schlafend dargestellt.
- Das ist ikonografisch der Kontrast zur Hauptfigur: Wachheit/Beten vs. Müdigkeit/Überforderung.
Rechte Bildhälfte: die nahende Gefangennahme
- Rechts oben/mittig drängt eine Gruppe Bewaffneter heran: Helme, Stangenwaffen/Speere, teils mit Laterne/Fackel.
- Davor stehen „zivilere“ Figuren – das ist in der Bildtradition meist der Moment kurz vor der Verhaftung (Judas führt die Truppe; der eigentliche Kuss ist hier nicht zwingend gezeigt, aber das „Anrücken“ ist eindeutig).
Oben: Kreuzigung als „Zielpunkt“
- Ganz oben die drei Kreuze - Jesus in der Mitte, die beiden Schächer links/rechts.
- Unter den Kreuzen stehen Begleitfiguren (klassisch Maria und Johannes bzw. Trauernde) – der Blick wird nach oben in das „Ende“ der Geschichte gelenkt.
Oben links: weiterer Passionsmoment (Prozession/„Weg“)
- Links oben ist eine dichte, bewegte Gruppe – das wirkt wie eine zusätzliche Passionsstation (eine Art „Prozession“/Handlungsdrama).
- Dadurch wird das Relief zur komprimierten Passionschronik: nicht nur Ölberg, sondern „Ölberg → Arrest → Kreuzigung“ als zusammenhängender Erzählbogen.
Der Turm
Der Turm geht in seinen unteren Teilen auf die Romanik des 13. Jahrhunderts zurück und zählt damit zu den ältesten erhaltenen Bauteilen der Kirche. Diese früheste Phase zeigt sich vor allem in der massiven Mauerstruktur und der vergleichsweise schlichten Gliederung. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Turm mehrfach angepasst, erhöht und technisch erneuert, ohne seine grundlegende Form zu verlieren.
- Spätromanischer Ursprung
- Der Turm steht auf einem spätromanischen, quadratischen Sockel, der noch aus der Bauphase des 13. Jahrhunderts stammt. Diese massive Basis ist durch ihre großen Wandstärken gekennzeichnet und war von Anfang an auf Dauerhaftigkeit und Tragfähigkeit ausgelegt – eine Voraussetzung für die spätere Nutzung als Glockenturm.
- Brand von 1327 und gotischer Neubau
- Im Jahr 1327 wurde der Turm bei einem Brand schwer beschädigt. In der Folge entschied man sich nicht für eine bloße Reparatur, sondern für einen grundlegenden Neubau des oberen Turmbereichs. Über dem romanischen Sockel entstand ein achteckiger gotischer Turm, der bis zur Galerie in drei Geschossen ausgeführt wurde.
- Der Wechsel vom quadratischen Sockel zum oktogonalen Aufbau ist typisch für die Gotik und ermöglichte eine größere Höhe bei besserer statischer Verteilung des Gewichts.
- Einsturz des Helms 1590
- Ein einschneidendes Ereignis war der Einsturz des steinernen Helms im Jahr 1590. Dieser Verlust wurde nicht als Rückschlag, sondern als Chance genutzt: Man verzichtete auf einen erneuten schweren Steinhelm und entschied sich stattdessen für eine Erhöhung des Turms um zwei weitere Geschosse. Damit erhielt der Turm seine bis heute charakteristische, vergleichsweise gedrungene, aber deutlich höhere Silhouette.
- Diese Maßnahme fällt in eine Zeit, in der funktionale Aspekte – insbesondere die Unterbringung des Geläuts – zunehmend wichtiger wurden als monumentale Turmabschlüsse.
- Die Turmgalerie
- Die Turmgalerie war ursprünglich mit acht gotischen Fialen geschmückt, die den Übergang zwischen Turmkörper und Abschlusszone gliederten. Diese architektonischen Elemente verliehen dem Turm eine vertikale Betonung und eine deutlich gotische Prägung.
- Im Zuge von Sicherungs- und Vereinfachungsmaßnahmen wurden diese Fialen 1951 entfernt. Der Turm erhielt dadurch sein heutiges, nüchterneres Erscheinungsbild, das stärker die Baukörper und weniger den dekorativen Schmuck betont.[6]
Die Große Michaeler-Glocke
Die Große Michaeler-Glocke gilt als eine der ältesten erhaltenen und durchgehend genutzten Kirchenglocken Wiens. Sie wurde im Jahr 1525 vom Wiener Glockengießer Ladislaus Raczko (auch Raczko / Raczko) gegossen. Der Auftrag zur Herstellung fiel in eine Zeit des Wiederaufbaus nach dem Großen Stadtbrand von 1525, in dessen Folge auch Teile der Kirche beschädigt worden waren und umfangreiche Baumaßnahmen nötig wurden.
Mit einem Gewicht von nahezu 2,3 – 2,5 Tonnen (etwa 2300 kg) und einem Durchmesser von rund 154 cm ist sie nicht nur historisch, sondern auch akustisch und technisch ein bedeutendes Zeugnis spätgotischer Glockengießkunst.
Das ursprüngliche Geläut der Michaelerkirche bestand aus sieben Glocken – doch nur die große Glocke von 1525 hat alle Kriege und Krisen des 20. Jahrhunderts überstanden, als viele andere Glocken im Rahmen der beiden Weltkriege eingeschmolzen oder abgeliefert wurden.
Im Jahr 1992 erlitt die Glocke einen Riss und wurde aus dem Turm genommen. Nach einer aufwändigen Restaurierung in spezialisierten Werkstätten wurde sie 2006 wieder in Wien in den Turm gehoben und am 5. Dezember 2006, dem Todestag Mozarts, erstmals wieder geläutet.
Zu ihren Aufgaben gehörten:
- das Einläuten der Hochfeste des Kirchenjahres
- das Zusammenrufen der Gemeinde
- das Begleiten von Begräbnissen und Totengedenken
- das Markieren außergewöhnlicher Ereignisse (Katastrophen, Dankläuten)
Die Glocke wird heute als umfangreiches klangliches Denkmal der Stadtgeschichte angesehen: Sie verbindet mittelalterliche Gießkunst, Zerstörung und Wiederaufbau mit der fortlaufenden Nutzung bis in die Gegenwart – ein seltener und eindrucksvoller Überrest stadtkirchlicher Kulturgeschichte.
Quelle: YouTube • Direktlink
Die Turmuhr
Der Turm der Michaelerkirche beherbergt nicht nur das historische Geläut, sondern auch eine Turmuhr mit eigener Geschichte. Diese Uhr ist barockem Ursprung und wurde 1765 eingebaut, vermutlich im Zuge größerer barocker Ausstattungs- und Instandsetzungsmaßnahmen am Turm und der Kirche.
Im 20. Jahrhundert geriet das mechanische Uhrwerk ebenso wie viele andere Teile der kirchlichen Ausstattung in einen Zustand, der eine Sanierung nötig machte. Im Zuge einer denkmalpflegerischen Restaurierung konnte die Turmuhr wieder funktionsfähig gemacht werden, so dass sie heute erneut die Zeit anzeigt und zur akustischen Ordnung des Stadtalltags beiträgt.
Zusätzlich zur mechanischen Uhr war am Turm auch eine Turmratsche (Ratsche) installiert, ein Gerät, das traditionell vor Einführung der Mechanik als Zeit- oder Signalgeber diente. Auch dieses historische Instrument wurde für das Osterfest 2007 wieder in Betrieb genommen und ergänzt so die Zeitzeichen im liturgischen Jahreszyklus.
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Quellen
- ↑ Josef Wlha (Fotograf), 1., Michaelerplatz 6 - Kleines Michaelerhaus - Michaelerdurchgang - Ölbergrelief heute
- ↑ https://www.michaelerkirche.at/800Jahre/domus-dei/1500.html
- ↑ https://www.michaelerkirche.at/docs/mb/MB04_Michaelerblaetter_2007-08.pdf
- ↑ Josef Wlha (Fotograf), 1., Michaelerplatz 6 - Kleines Michaelerhaus - Michaelerdurchgang - Ölbergrelief, um 1900, Wien Museum Inv.-Nr. 18478, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/108584/)
- ↑ Unbekannt, 1., Michaelerplatz - Michaelerkirche, Ansichtskarte, 1898 (Gebrauch), Wien Museum Inv.-Nr. 93740/161, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/786692/)
- ↑ https://magazin.wienmuseum.at/der-turm-der-michaelerkirche-eine-baugeschichte




