Bei den Schotten am Steine

Aus City ABC

Sagen und Legenden
Bei den Schotten am Steine




Bei den Schotten am Steine

BERMANN(1880) p0951 Das Schottenkloster im 17. Jahrhundert.jpg

Das Schottenkloster (Darstellung 17. Jh.)

Ein armer Pilger kam über die Teinfaltstraße – damals noch auf dem Steinfelde – und sank erschöpft auf einen Stein vor dem Schottenkloster nieder. Zur selben Zeit spielte am Neuen Markt ein Harfner aus Pisa Klagelieder auf den Tod Albrecht I.: erschlagen, so hieß es, von seinem habgierigen Neffen Johann von Österreich.

Der Pilger murmelte in sich hinein: Er wolle, ehe er die deutsche Erde verlasse, noch einmal durch die vertrauten Straßen gehen – Liebe, Treue, Gehorsam, Fleiß und Fröhlichkeit nannte er als Herzstücke der Stadt. Da öffnete ein Herold das Tor zur Freyung und rief aus, Friedrich der Schöne werde den Eid zur Herrschaft ablegen. Jubel brandete auf. Der Pilger aber fuhr wie getroffen hoch und wäre ohnmächtig zusammengesunken, hätte ihn nicht ein Knappe aufgefangen. Als dieser den Hut des Mannes lüftete, erkannte er das Gesicht des Mörders Johann. Erschrocken lief der Knappe davon und ließ den Bewusstlosen am Stein liegen.

Das Gerücht von Albrechts Mörder verbreitete sich im Nu, doch als die Menge zum Kloster stürmte, war der Pilger verschwunden. Einer rief: Nicht hier – am Kornmarkt (dem damaligen Kohlenmarkt) sei er, als Harfner verkleidet! Die Menschenmenge wogte zurück; auch dort war der Mann wie vom Erdboden verschluckt. So hieß es lange spöttisch in Wien: Wer etwas verloren habe, solle nur bei den Schotten am Steine suchen. [1]

Ort: Stein vor dem Schottenmünster (Freyung) · Bezug: Neuer Markt / Kohlenmarkt

Historischer Hintergrund

Zur Einordnung: Am 1. Mai 1308 wurde König Albrecht I. an der Reuß im Aargau von seinem Neffen Johann Parricida und Mitverschworenen erschlagen. Albrechts Sohn Friedrich der Schöne folgte als Herzog von Österreich und der Steiermark; die Sage verknüpft diese Ereignisse mit Wien, dem Schottenkloster und der Freyung. Ob der Täter je in Wien erschien, bleibt Erzählmotiv – die Pointe vom verschwundenen Pilger/Harfenmann erklärt das alte Spottwort vom Suchen „bei den Schotten am Steine“.

Der Freiheitsstein bei den Schotten

BERMANN(1880) p0951 Das Schottenkloster im 17. Jahrhundert.jpg

Das Schottenkloster (Darstellung 17. Jh.)

Im Jahr 1158 kamen die Schottenmönche nach Wien. Heinrich Jasomirgott stattete ihr Kloster nicht nur mit Besitz und Rechten aus, sondern bestätigte auch ein besonderes Privileg: das Asylrecht. Wer von der Obrigkeit verfolgt wurde, konnte in diesem Bereich Zuflucht suchen und war dort für eine bestimmte Zeit geschützt.

Rund um das Schottenkloster erzählte man sich, dass die Freyung genau begrenzt gewesen sei. Vor dem Kloster lag ein Stein, der diese Grenze markierte. Hatte ein Flüchtling die ihm gewährten drei Tage verbracht, konnte er der Überlieferung nach noch einmal drei Schritte über diesen Stein hinausgehen und wieder zurückkehren. Damit gewann er drei weitere Tage Schutz – allerdings nur, wenn er zwölf Pfennig hinterlegte.

Dieser Vorgang ließ sich angeblich wiederholen. Der Verfolgte wurde dazu an den sogenannten Freiheitsstein geführt und mit einem Strohhalm an ihn gebunden, während der Bannrichter dreimal angerufen wurde. So verband sich um den Stein vor den Schotten ein festes Ritual mit der Hoffnung auf Aufschub und Rettung.

Aus dieser Erinnerung soll auch die Redensart „bei den Schotten am Stein“ hervorgegangen sein. Im Wiener Volksmund bedeutet sie bis heute: nirgends. [2]

Ort: Schottenstift / Freyung

Historischer Hintergrund

Zur Einordnung: Das Asylrecht gehörte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zu den besonderen Schutzrechten geistlicher Orte. Klöster und Kirchen konnten Verfolgten für eine begrenzte Zeit Zuflucht gewähren. Solche Freistätten standen unter einem eigenen Schutz und bildeten eine wichtige Ausnahme innerhalb der weltlichen Rechtsordnung.

Auch das Schottenstift in Wien war mit solchen Vorrechten verbunden. Die Freyung rund um das Kloster erinnert bis heute an diesen Sonderstatus. Der Name selbst verweist auf einen Bereich, der von bestimmten Abgaben und Pflichten befreit war und zugleich rechtliche Privilegien genoss.

Die Erzählung vom „Stein“ vor den Schotten verdichtet diese Rechtsgeschichte zu einem anschaulichen Bild. Ob sich das Ritual genau so abgespielt hat, lässt sich heute kaum mehr nachweisen. Als Überlieferung zeigt es aber, wie stark sich alte Rechtsformen in das Gedächtnis der Stadt eingeschrieben haben. Aus ihnen entstanden Bilder und Redensarten, die das historische Wien bis in die Alltagssprache hinein prägten.


Navigation

→ weiter zu Das Anzeichen der Glocke der Loretokapelle
← zurück zu Helferstorferstraße 4

Quellen

  1. J. Gebhart: Österreichisches Sagenbuch. Wien 1862, S. 28–29.
  2. Mailly, Anton von: Niederösterreichische Sagen, Leipzig/Gohlis 1926, S. 133