Wo die Wipplingerstraße den Tiefen Graben überquert, stand seit dem Mittelalter ein kleines Gasthaus. Es hieß einst Zum Weingott Bacchus. Nach 1683, als die Türken zurückgeschlagen waren, hängte der Wirt Ambros Frank einen erbeuteten, blutigen Säbel als Zeichen des Sieges in seine Stube – fortan nannte man den Keller spöttisch den Roten Sabelkeller.
Schon bald wurde die Schank berühmt: Hier sang der Dudelsackpfeifer Augustin mittwochs und samstags seine frischen Lieder, umringt von Bürgern, Studenten und Junkern. Für ein paar Münzen erzählte er Schwänke und Abenteuer – vom Teufel in rotem Wams, vom Grafen, den er mit einem listigen Hinweis vor dem letzten Platz im Zug bewahrte, und von manchem nächtlichen Streich. In der Erinnerung der Gäste klang sein Summen nach: O du lieber Augustin …
Der Rote Sabelkeller war nicht nur Augustins Bühne – hier soll auch der Teufel selbst erschienen sein. Augustin erzählt: In einem überfüllten Keller saßen trinkfrohe Studenten, als ein Fremder aus der Ecke trat – im blutroten Wams, mit Hubertushut und roter Hahnenfeder, gelblichem, gefurchtem Gesicht, glühenden Augen und krallenartigen Fingern. Seine Stimme krähte dünn; am Gürtel hing ein schwerer, klingender Goldbeutel.
„Geld, soviel ihr wollt – nur eine Bedingung: Einer von euch geht mit mir. Der Letzte zur Tür.“ Jubelnd wurde gelost, und das Los traf ein blutjunges Gräflein. Augustin erkannte die Gefahr und flüsterte ihm zu, beim Hinausgehen seinen Schatten „hinter sich“ zu lassen.
Als die Tür im Morgenrot offenstand, stellte sich der Rote an den Ausgang. Einer nach dem anderen verließ den Keller. Da trat das Gräflein hinaus – und wies kaltblütig hinter sich: „Ihr irrt: Hinter mir geht noch einer.“ Der Rote fuhr nach dem dunklen Umriss an der Schwelle – dem Schatten. Das Gräflein entkam, und der Teufel packte nur das, was ihm blieb: ein Stück Schatten im Morgenlicht. Seitdem, sagt man, späht er in den Kellern nach dem Letzten zur Tür. [1][2]
Ort: Wipplingerstraße 19, nahe Hohe Brücke / Tiefer Graben