Stephansdom: Kreuzkapelle

Aus City ABC

Stephansdom
Kreuzkapelle


Stephansdom: Kreuzkapelle
Kreuzkapelle
Die Kreuzkapelle an der Nordwest-Ecke des Stephansdoms

Die Kreuzkapelle ist die erste Kapelle an der Nordseite des Stephansdoms, links vom Haupteingang, am Nordwinkel der Portalfassade. Sie gehört zu den älteren Kapellen des gotischen Ausbaus und wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrfach umgestaltet. Ihre wechselvolle Geschichte spiegelt sich schon in ihren vielen Namen: Moranduskapelle, Tirnakapelle, Kreuzkapelle, Liechtensteinkapelle, Savoyen- oder Prinz-Eugen-Kapelle.

Besonders markant sind das spätgotische Kruzifix mit echtem Haar, das barocke Savoyer-Grabgedächtnis und das prunkvolle schmiedeeiserne Gitter aus dem 18. Jahrhundert. Kaum eine andere Kapelle des Doms zeigt so deutlich, wie sich gotische, barocke und historistische Schichten überlagern.

Bauzeit: 14. Jahrhundert, Ausbau unter Rudolf IV.; Fertigstellung im frühen 15. Jahrhundert
Stil: gotischer Kern, später barock und historistisch überformt
Lage: Nordseite des Stephansdoms, links vom Riesentor, am Nordwinkel der Westfassade
Nutzung: Kapelle und Erinnerungsort mit mehreren Grab- und Ausstattungsschichten
Besonderheiten: Kruzifix mit echtem Haar, Prinz-Eugen-Gruft, Savoyer-Epitaph, barockes Schmiedeeisengitter
Stifter / Patronat: zunächst Morandus-Patrozinium, dann Familie Tirna, später Liechtenstein und Savoyen

Die Kapelle im Laufe der Jahrhunderte

Die Kreuzkapelle geht auf die Ausbauphase des Stephansdoms unter Rudolf IV. zurück. Sie besitzt einen gotischen Kern, zeigt heute aber eine vielschichtige Gestalt. Gerade diese Mischung macht ihren Reiz aus: gotische Raumform, barocke Repräsentation und historistische Überarbeitung stehen hier dicht nebeneinander.

Erster Namensgeber der Kapelle war - noch zur Zeit des Rudolph - der Heilige Morandus († 1115), ein mittelalterlicher Benediktinermönch; Er galt als Patron und Verwandter (ein Vorfahre der Mutter von Herzog Rudolf IV.) der Habsburger, auch schützt er die Winzer und den Wein und wird gegen Besessenheit angebetet. Der Herzog erwarb sogar in Basel (und/oder St. Morand) Reliquien des Heiligen, und setzte sie selbst im Boden der Kapelle bei. Auch das Haupt des Morandus war aus Altkirch nach Wien gebracht worden, wo es in einem "jaspidein Sarg" aufbewahrt wurde. [1]

Prägend für die weitere Geschichte der Kapelle wurde die Wiener Familie Tirna (auch: Tierna oder Tyrna). Sie stiftete 1358 hohe Beträge für den Ausbau, wohl auch um selbst hier verewigt zu sein, und hatte im Spätmittelalter das Patronat über die Kapelle inne. Erster Spender war Friedrich von Tirna, auch die Söhne des Johannes Tirna, Ludwig und Rudolf, stifteten 1397 einen hohen Betrag, um die Kapelle auszubauen und hier ihre Gräber anzulegen. Auslöser könnte der Tod ihres Bruders Hans gewesen sein, der 1397 von einem herabfallenden Gerüstteil am Südturm des Doms erschlagen worden war. Ihr Wappen ist nicht nur in der Kapelle selbst, sondern auch außen an der Nordfassade angebracht. Mit dieser Phase setzte sich um 1400 der Name Tirnakapelle durch. Der Bau, der durch Rudolph den Stifter selbst in Auftrag gegeben worden war dauerte vier Jahre, wurde aber erst 1479 gänzlich abgeschlossen, da die darüber liegende "Valentinskapelle" gleichzeitig erreichtet wurde.

Im 17. Jahrhundert erfolgte eine weitere Umgestaltung der Kapelle durch den Mathematikprofessor Wilhelm Rechberger, von dieser ersten Barockisierung dürfte wenig erhalten sein.

Im 18. Jahrhundert änderte sich das Erscheinungsbild grundlegend. Seit 1717 übte die Familie Liechtenstein das Patronat aus. Vor allem Maria Theresia Anna Felicitas von Liechtenstein († 1772), verheiratet mit Emanuel Thomas von Savoyen-Carignan, ließ die Kapelle barock ausstatten und zur Grablege für Angehörige des Hauses Savoyen umformen. Dadurch kamen die Bezeichnungen Liechtensteinkapelle, Savoyenkapelle und schließlich Prinz-Eugen-Kapelle auf.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Kapelle erneut umgestaltet. 1852/53 entfernte man wesentliche Teile der barocken Wanddekoration und stattete die Kapelle im Geist der Neugotik neu aus. Dabei entstand auch das Fresko Mysterium der Erlösung an der Westwand hinter dem Kreuz.[2]

Das wundersame Kruzifix

Kruzifix

Kruzifix mit Echthaar
Das auffälligste Ausstattungsstück ist das große hölzerne Kruzifix an der Westwand. Es wurde wohl im 15. Jahrhundert, vermutlich in Italien, geschaffen und vor 1685 in die Kapelle gebracht. Haare und Bart Christi bestehen aus echtem Haar – eine in Österreich seltene Ausführung, aus der sich der volkstümliche Glaube entwickelte, dem Herrgott würden in dieser Kapelle die Haare wachsen. Von diesem Kruzifix leitet sich der heute gebräuchliche Name Kreuzkapelle ab. (siehe dazu auch die Legende: Stephansdom: Zu unseres lieben Herrn Haarwuchs)

Der Altar und seine Geschichte

Altar

Altar

Der ehemalige Morandusaltar wurde später durch den, von Dr. med. Wilhelm Rechberger († 1651) gestifteten, Altar "Maria Geburt" ersetzt. Einen Erasmusaltar stiftete Sigmund Siebenbürger († 1506; Onkel des Dr. Martin Siebenbürger); der Johannes-Evangelist-Altar kam wahrscheinlich 1510 aus dem Apostelchor (Südchor) des Doms in die Kapelle. Diese ehemals drei Altäre wurden durch Maria Theresia von Savoyen ausgetauscht, als sie die Barockisierung vornehmen ließ. Der Kreuzaltar wurde zwischen 1731 und 1754 geschaffen.

Der untere Teil des Altars besteht aus einer Mensa mit dem Relief der Grablegung Christi. das breite Bild zeigt drei Männer, die Christus zu Grabe tragen und trauernde Frauen.

Darüber, auf der bronzenen Tür des Tabernakels, ist die Opferung Isaaks, als alttestamentarische Andeutung zum Opfertod Christi am Kreuz, dargestellt. [3]

Über dem Altar befindet sich besagtes Echthaar-Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert.

Golgatha-Fresko

Golgatha-Fresko

Golgatha-Fresko

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Kapelle restauriert und umgestaltet. Dabei wurde 1853 von dem Maler Johann Nepomuk Ender über dem Altar der Kapelle um das gotische Kreuz ein großes Fresko geschaffen: "Mysterium der Erlösung", auch "Golgatha". Es zeigt die Ereignisse auf Golgatha, den Hügel außerhalb von Jerusalem, auf dem den Evangelien zufolge Jesus gekreuzigt wurde.

Die Gruft und das Epitaph von Prinz Eugen

Epitaph von Prinz Eugenh

Epitaph von Prinz Eugen

Am Boden eingelassen findet sich die Savoyer-Grabplatte, sie ist aus Adneter Stein, in Bronze wurden die Inschrift und das Wappen, umrahmt von der Kette des Ordens vom Goldenen Vlies, angebracht. Die lateinische Inschrift besagt: „Geweihter Ort, den die durchlauchtigste Fürstin ... Theresia Anna Felicitas ... Herzogin von Savoyen ... für die Beisetzung ihres Gatten Emanuel Thomas, Herzog von Savoyen ..., der im Alter von 42 Jahren am 28. Dezember 1729 durch eine Blatternerkrankung aus der Mitte der Lebenden weggerafft wurde, sowie für weitere Angehörige dieses hochedlen Hauses Savoyen, die hier begraben werden wollen, errichten ließ, damit sie hier ruhen mögen, bis sie in Herrlichkeit auferstehen.“ 1736 folgte der Onkel, Prinz Eugen von Savoyen-Carignan. Die Gruft befindet sich unterhalb dieser Platte. Nach ihrem Tod 1772 wurde auch Maria Theresia Felicitas selbst hier begraben.

In den 1970er Jahren wurde - im Zuge des Baus der U1 - das Grabmal erstmals geöffnet. Neben den Gebeinen fand sich hier auch eine Urne mit einem Herzen. Das war insofern ungewöhnlich, als man bisher davon ausging, dass sich das Herz Prinz Eugens in Turin befinden würde. Überprüft wurde allerdings weder die Wiener noch die Turiner Urne.[4]

In einer großen Wandnische befindet sich weiters das aufwendige Epitaph für Prinz Eugen, seinen Neffen und dessen Gemahlin Maria Theresia Anna (1754). Zu sehen ist hier ein goldener Sarkophag mit den Gedenkinschriften für Prinzessin Theresia und ihrem Mann Emanuel, darüber eine steile Pyramide als Symbol der Ewigkeit mit der Gedenkinschrift für Prinz Eugen. Der Sarkophag ist mit einem Relief mit der Darstellung einer Schlacht des Prinzen aus den Türkenkriegen geschmückt. An den Seiten der Pyramide sind die Insignien seines Standes drapiert, man sieht hier Heereszeichen, Waffen und Fahnen. An der Spitze ist eine Urne mit Henkeln aus geflügelten Hermen abgebildet. Die Wappen der Familien Liechtenstein und Savoyen werden von einem Löwen und einer weiblichen Trauerfigur mit einem Portrait von Maria Theresia Anna, umgeben vom Schriftzug „suum cuique decus” („jedem der Ruhm, der ihm gebührt”) gehalten.[5] [6] [7] Ausgeführt wurde das Werk von Joseph Wurschbauer; der Steinmetz war Gabriel Steinböck.[8]

10 Heilige

neugotische Heiligenstatuen

neugotische Heiligenstatue

Weiters wurden unter den vorhandenen Steinbaldachinen an den Säulen zehn neugotische Heiligenstatuen aufgestellt. Für die Ausführung wurden die Bildhauer Johann Gasser und Franz Högler beauftragt. Im Uhrzeigersinn vom Eingang aus handelt es sich dabei um folgende Heiligen

  • Aloisius
  • Josef, Theresa, Severin
  • Stephanus
  • Leopold
  • Franziskus, Elisabeth, Johannes
  • Francis

Barockes Eisengitter

Barockes Eisengitter

Barockes Eisengitter
Der Zugang zur Kapelle ist durch ein prunkvolles barockes Eisengitter verschließbar, das ebenfalls die Wappen des Ehepaares Savoyen-Liechtenstein trägt. Die Wappen werden von zwei Löwen getragen, auch hier ist die Kette des Goldenen Vlieses zu sehen. Das schmiedeeiserne Kunstwerk wurde 1731 errichtet, die Wappen wurden 1736 angebracht.

Weitere Besonderheiten

Im 20 Jahrhundert wurden zusätzlich zwei Gedenksteine für in den Kriegen gefallenen Priester angebracht;
links: "Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Geistlichen" unter dem Flachrelief eines sterbenden Soldaten
rechts: "Denkmal für die Priester, Kleriker und Laienbrüder, die Opfer der beiden Weltkriege wurden"
Aufbahrungskapelle
1964 wurde in der Kapelle Julius Raab aufgebahrt.[9]
Zu sehen sind hier weiters
ein Tabernakel aus dem Jahr 1754,
eine silberne Lampe (1782) und
Assistenzfiguren des Kreuzes (von 1768).
Im näheren Umfeld
Unmittelbar vor der Kapelle liegt heute das Cuspinian-Grab. Mit seinen beiden Gattinnen (nach 1529) -> Gehe zu Stephansdom: Cuspinian-Grab


Navigation

→ weiter zu Stephansdom: Valentinskapelle
← zurück zu Stephansdom: Die West-Seite

Quellen