Stephansdom: Das Primglöckleintor
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Das Primglöckleintor an der Südseite des Stephansdoms
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Das Primglöckleintor liegt an der Südseite des Stephansdoms unter dem hohen Südturm und führt durch dessen Mauerkern in die Katharinenkapelle und weiter in den Apostelchor. Seinen Namen verdankt das Tor dem Umstand, dass hier einst die Curpriester aus dem gegenüberliegenden Churhaus zur ersten Frühmesse, der Prim, zusammengerufen wurden. Heute ist das Tor vor allem bei feierlichen Einzügen in Verwendung. Bei besonderen Anlässen ziehen hier Assistenz und Konzelebranten, aber auch Ritterorden in den Dom ein.
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Zur Vertiefung: Stephansdom: Die Süd-Seite, Stephansdom: Die Taufkapelle, Stephansdom: Der Südturm
Geschichte
Das Primglöckleintor ist das südliche Gegenstück zum Adlertor im Nordturm. Beide Seiteneingänge gehören zum Baukonzept mit zwei großen Turmportalen und führen unter den Türmen in das Innere des Doms. Im Vergleich zu den Fürstenportalen sind sie schlichter ausgestattet, lassen aber in ihren Baldachinen und Sockelzonen erkennen, dass hier ursprünglich ein deutlich reicheres Figurenprogramm geplant war.[1]
Seinen Namen verdankt das Tor der Prim, der ersten Hore des Tages. Durch dieses Tor kamen die Curpriester von St. Stephan aus dem gegenüberliegenden Churhaus auf kurzem Weg in den Dom. Der Name erinnert also direkt an den liturgischen Tagesablauf des Domkapitels.[2]
Zugleich war das Primglöckleintor der Zugang in den Apostelchor, in dem sich früher die Gräber der Universitätsprofessoren befanden. Auch heute wird das Tor bei festlichen Anlässen genutzt: Assistenz und Konzelebranten ziehen hier ein, ebenso die großen Ritterorden, die sich gewöhnlich im Churhaus versammeln.
Architektur und Bildschmuck
Das Tor ist in den Mauerkern des hohen Südturms eingetieft und ganz ähnlich wie das Adlertor angelegt. Die Vorhalle ist im Vergleich zu den großen West- und Seitenportalen eher sparsam ausgestattet, bewahrt aber dennoch einige bemerkenswerte Bildwerke. Erhalten sind vor allem die vier Evangelisten, die den Eingang in das Apostelschiff flankieren.
Am mittleren Torpfosten, dem Trumeaupfeiler, steht die sogenannte Primglöckleintor-Madonna. Diese Figur entstand in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts und wurde im 19. Jahrhundert, genauer 1885, aus Wiener Neustadt hierher übertragen. Ursprünglich befand sich an dieser Stelle eine Apostelfigur, die den Weg in den dahinterliegenden Apostelchor wies.[3]
Die Seitenwände der Vorhalle sind reich mit fein profilierten Sockeln und Baldachinen für Statuen gegliedert. Gerade diese Architektur lässt erkennen, dass man hier einst ein umfangreicheres Figurenprogramm beabsichtigte, von dem heute nur noch Reste vorhanden sind.
Reliefs und weitere Details
In der Eingangshalle sind außerdem Steinbilder verschiedener Heiliger zu finden. Besonders bemerkenswert ist die Darstellung der Beurlaubung Christi von seiner Mutter. Rings um das Tor erscheinen in zirkelrunden Bogen kleine Reliefbilder aus dem Leben Jesu. Dargestellt sind
- die Beschneidung,
- die Flucht nach Ägypten,
- Christus unter den Schriftgelehrten,
- der Judaskuss,
- die Kreuztragung,
- Christus am Kreuze,
- die Grablegung.
Errichtet wurde das Kunstwerk vom Kirchenmeister Johann Straub (+ 20.8.1540). Dadurch gehört der Bildschmuck des Bereichs bereits in eine spätere Phase der Domausstattung und zeigt, wie sich am Stephansdom gotische Portalarchitektur und Reliefprogramme des 16. Jahrhunderts begegnen.
Hier befand sich auch die Wohnung des Turmmeisters. Am nächsten Pfeiler steht ein Weihbrunnen mit der Jahreszahl 1506 und dem Steinmetzzeichen von Khlaig, der hier auch begraben ist. Solche Details machen deutlich, dass das Primglöckleintor nicht bloß ein Durchgang war, sondern Teil eines dichten Funktionsraums rund um Turm, Klerus und liturgische Wege.
Heutige Bedeutung
Heute ist das Primglöckleintor für viele Besucherinnen und Besucher weniger bekannt als die großen Portale des Doms. Gerade darin liegt aber sein besonderer Reiz. Es ist kein monumentales Schauseiten-Portal, sondern ein funktionaler, liturgisch geprägter Zugang, an dem sich die innere Organisation des mittelalterlichen Doms besonders gut ablesen lässt.
Wer hier genauer hinsieht, entdeckt mehrere Schichten der Domgeschichte zugleich: den Weg der Curpriester zur Prim, den Zugang zum Apostelchor, die gotische Architektur des Südturms, die spätmittelalterliche Madonna und die Reliefs des 16. Jahrhunderts. Gerade deshalb ist das Primglöckleintor ein kleines, aber sehr sprechendes Stück Stephansdom.
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