Stephansdom: Das Adlertor
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Das Adlertor an der Nordseite des Stephansdoms
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Das Adlertor ist der seitliche Eingang zum Dom an der Nordseite unter dem Nordturm, der auch Adlerturm genannt wurde. Seinen Namen verdankt Tor und Turm einem Adler, der einst auf der Kuppel des unausgebauten Turmes stand. Durch das Adlertor gelangt man in das Frauenschiff, das im Mittelalter der Gottesmutter geweiht war. Das Tor war ursprünglich für die Kanoniker des Domkapitels gedacht und gehört gemeinsam mit dem südlichen Primglöckleintor zu den beiden großen Turmportalen des Stephansdoms.
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Zur Vertiefung: Stephansdom: Der Nordturm, Stephansdom: Die Nord-Seite, Stephansdom: Barbarakapelle
Geschichte
Das Adlertor ist das nördliche Turmportal des Stephansdoms und bildet das Gegenstück zum Primglöckleintor im Süden. Beide Portale führen gleichsam unter den Türmen hindurch in das Innere des Doms. Im Vergleich zu den großen Fürstenportalen sind sie bescheidener ausgestattet, doch ihre Architektur zeigt deutlich, dass hier ursprünglich ein umfangreicherer Figurenschmuck geplant war.[1]
Seinen Namen verdankt das Tor dem Nordturm, der auch Adlerturm genannt wurde. Früher befand sich auf seiner Kuppel ein Doppeladler als Symbol des Hauses Österreich. Dadurch erhielt nicht nur der Turm, sondern auch das darunterliegende Portal seinen Namen.[2][3]
Das Adlertor wurde vermutlich nach Plänen von Hans Puchsbaum zwischen 1467 und 1476 errichtet, gedacht war es als Eingang für die Chorherren des Domkapitels.
Dem Adlertor kam auch eine diözesangeschichtlich wichtige Rolle zu. Am 17. September 1480 ließ der päpstliche Nuntius Alexander von Forli an den Türen dieses Tores die päpstlichen Bullen zur tatsächlichen Errichtung des Bistums Wien feierlich anheften, damit das Volk davon Kenntnis nehme.
Architektur und Ausstattung
Das Adlertor ist breit angelegt, aber vergleichsweise sparsam ausgestattet. In der straff mit Maßwerk gegliederten Eingangshalle steht am Trumeaupfeiler eine bekrönte Marienstatue aus dem 17. Jahrhundert. Sie ist die einzige erhaltene Figur unter den bereits vorhandenen Baldachinen und begrüßt die Eintretenden in das Frauenschiff.
Gerade diese Schlichtheit ist charakteristisch. Die Architektur der Vorhalle zeigt mit ihren Baldachinen und Nischen, dass ursprünglich ein deutlich reichhaltigeres Figurenprogramm vorgesehen war. Ausgeführt wurde davon jedoch nur ein kleiner Teil. Dadurch wirkt das Adlertor heute zugleich monumental und zurückhaltend.
Durch das Tor gelangt man in das nördliche Seitenschiff, das im Mittelalter als Frauenschiff galt und der Gottesmutter geweiht war. Das passt gut zur Marienfigur am Tor und macht den Zugang auch inhaltlich lesbar.
Der Asylring
An der östlichen Außenseite des Tores befindet sich der sogenannte Asylring, im Volksmund auch Leo genannt. Der Legende nach konnte ein Verfolgter, der diesen Ring berührte, sich unter den Schutz der Kirche stellen. Daraus erklärt sich auch das Sprichwort ich bin im Leo.[4]
Tatsächlich ist dieser Ring kein eigentlicher Asylring, sondern eine alte Umlenkrolle oder Seilrolle, mit deren Hilfe Baumaterial auf den Nordturm gezogen wurde. Gerade diese nüchterne Erklärung macht das Stück nicht weniger spannend: Aus einem technischen Bauteil wurde ein starkes Symbol für kirchlichen Schutz.
Tatsächlich standen die Menschen, die sich hierher flüchteten unter dem Schutz der Kirche, wie es Leopold IV. Ende des 12. Jahrhunderts bestimmt hat. Daher kommt das Sprichwort „ich bin im Leo“. 1637 hob Kaiser Ferdinand III. diese Schutzpraxis auf, weil sie Strafverfahren zu oft erschwerte oder verzögerte.
Das Kreuzigungsbild von Joachim von Sandrart
Über dem Ausgang zum Adlertor befindet sich seit Juni 2019 ein großes Kreuzigungsbild von Joachim von Sandrart aus dem Jahr 1653. Das Gemälde misst 6,97 × 4,12 Meter und gehört zu den eindrucksvollsten großformatigen Bildern des Stephansdoms.[5]
Ursprünglich war das Bild Teil des Passionsaltars hinter dem Grabmal Kaiser Friedrichs III. im Apostelchor. Nach dem Abbau dieses Altars in den Jahren 1872/73 wechselte es mehrfach den Ort: Es befand sich in den 1930er-Jahren im nördlichen Querschiff, wurde 1940 an die Garnisonskirche verliehen, nach deren Zerstörung 1945 gerettet, restauriert und schließlich ab 1957 in der Pfarrkirche Neulerchenfeld gezeigt. Nach der Auflösung dieser Pfarre kam das Bild an das Domkapitel zurück. Die Anbringung in der Adlertorhalle gilt heute als besonders gelungener Standort.
Vor dem Sandrart-Bild befand sich hier seit 1995 eine Kopie des 1945 verbrannten romanischen Wimpassinger Kreuzes. Auch dadurch ist die Adlertorhalle heute ein Ort, an dem mehrere Schichten der Domgeschichte zusammenkommen.
Ein Stein aus Ulm
In einem Pfeiler des Bereichs ist ein heller Steinquader aus dem Ulmer Münster eingelassen. Eine kleine Tafel erinnert daran, dass dieser Stein anlässlich des 600-Jahr-Jubiläums des Ulmer Münsters nach Wien gebracht wurde. Damit wird an die enge Verbindung der großen spätgotischen Kirchenbauhütten erinnert, an denen teilweise dieselben Baumeister tätig waren.
Baustein des Ulmer Münsters
aus dem 15. Jahrhundert
Die selben Meister
der gotischen Baukunst
haben an dieser Kirche
und am Ulmer Münster gearbeitet
Überreicht von der Stadt Ulm
zum 600. Jahrestag der Grundsteinlegung
des Ulmer Münsters
30. Juni 1977
Heutige Bedeutung
Heute wird das Adlertor von vielen Besucherinnen und Besuchern fast nebenbei benutzt. Gerade deshalb lohnt es sich, hier genauer hinzusehen. Das Tor ist kein spektakuläres Schauportal wie das Riesentor, sondern ein stillerer Zugang, an dem sich die innere Organisation des Doms besonders gut ablesen lässt.
Mit Marienfigur, Asylring, Sandrart-Gemälde und dem Stein aus Ulm bündelt das Adlertor mehrere sehr unterschiedliche Geschichten des Stephansdoms. Es ist damit ein kleiner, aber ausgesprochen dichter Erinnerungsraum an der Nordseite des Doms.
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