Der Schimmel bei Nacht

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Sagen und Legenden
Der Schimmel bei Nacht

1., Innere Stadt Spanische Hofreitschule Michaelerplatz · Winterreitschule Stallburg

Relevante Orte: Winterreitschule in der Hofburg (Michaelertrakt) · Stallungen in der Stallburg · Höfe und Gänge der Reitschule


Wenn Hufe auf Marmor klingen

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Lipizzaner

In klaren Winternächten, wenn der Michaelerplatz still ist und die Fenster der Winterreitschule dunkel, hörte man ein leises Klopfen, als zähle jemand Schritte: tak – tak – tak. Ein Stallknecht, so erzählt man, schloss einmal spät das Tor, da schob sich aus der Hallenfinsternis ein weißer Schimmel. Kein Mensch am Zügel, kein Hufschlag im Staub – und doch klang es auf dem Stein.

Der Schimmel hob den Kopf, als lausche er auf Musik, und machte eine kleine Levade, knapp über dem Boden, ganz wie im Unterricht. Dann wandte er sich und verschwand in Richtung Stallburg. Als der Knecht ihm folgte, lag auf der Bande der Halle eine einzelne weiße Haarsträhne, glatt wie gekämmt, und auf der Tribüne lag ein alter Handschuh eines Oberbereiters.

Die Reiter sagten: Das sei der Schulschimmel, der kommt, wenn ein junger Hengst am nächsten Tag seine erste Tour geht, um ihm die Tritte zu zeigen. Andere schwüren, der Schimmel sei der Schatten eines großen Pferdes aus alten Tagen. Wer spät vorbeikommt und ein fernstes Klingen hört, nickt nur: Die Hufe wissen noch den Weg.

Ort: Bahn der Winterreitschule; Durchgänge zur Stallburg; Tribüne und Bande


Varianten der Erzählung: Reiterloser Schimmel übt Kapriole über der Erde · ein alter Oberbereiter führt ein unsichtbares Pferd · Hufklang nur vor großen Vorführungen · skeptische Deutung: Nachhall der Hallenakustik, frühe Trainingsgänge, Schritte der Wache auf Stein.

Historischer Hintergrund

Zur Einordnung: Die Winterreitschule der Spanischen Hofreitschule entstand im 18. Jahrhundert als barocker Reitsaal; der heutige Bau wurde im Auftrag Kaiser Karls VI. unter Joseph Emanuel Fischer von Erlach bis in die 1730er Jahre ausgeführt. Die Stallburg (Renaissancehof aus dem 16. Jahrhundert) dient seit Jahrhunderten als Stallung der Hofpferde. Die Lipizzaner-Schule pflegt klassische Lektionen bis zur »Schule über der Erde« (Levade, Courbette, Kapriole). Die Sage bindet Raumklang, Tradition und Stallwege zu einer stillen Nachtgeschichte.[1]


Navigation

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Quellen

  • Dehio Wien I: Hofburg – Winterreitschule; Stallburg.
  • Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien – Spanische Hofreitschule; Stallburg; Lipizzaner.
  • Begleitpublikationen/Folder der Spanischen Hofreitschule (Tradition „Schule über der Erde“).
  1. Reitsaal- und Stadttopographie: Winterreitschule und Stallburg; Brauchtum der Hofreitschule und Lipizzaner.