Der nächtliche Chorgesang in der Burgkapelle

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Sagen und Legenden
Der nächtliche Chorgesang in der Burgkapelle


1., Innere Stadt Hofburg Burgkapelle · Hofmusikkapelle Wiener Sängerknaben

Relevante Orte: Burgkapelle in der Hofburg (Schweizerhof) · Emporen & Chorgestühl · Höfe und Gänge zur Augustinerkirche


Stimmen, wenn das Haus schon schläft

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Hofburgkapelle (Aufbahrung Erzherzogin Sophie)

Wachen erzählten, in windstillen Nächten höre man aus der Burgkapelle leises Singen, wenn längst alles verschlossen sei. Erst eine einzelne Knabenstimme, hell wie ein Faden, dann tragen tiefe Männerstimmen eine Antwort. Ein Motiv steigt empor, bricht ab, beginnt von Neuem – wie eine Probe, die niemand angesetzt hat.

Ein Torwart schwor, er habe den Schlüssel umgedreht und sei mit der Laterne über den Stein gegangen. Auf der Empore lag eine aufgeschlagene Notenseite, als hätte sie jemand eben erst verlassen, und doch war der Staub auf dem Geländer unberührt. Als er stehen blieb, trug der Raum den Nachhall weiter, obwohl kein Klang mehr kam. Am Morgen roch es nach Wachs, und auf dem Chorpult lag eine Veilchendolde.

Die Leute sagten: Wenn die Stimmen erklingen, proben die Alten – jene Sänger der Hofmusikkapelle, die vor Jahrhunderten hier sangen – mit den Jüngsten. Dann wird der Sonntag gut, und ein Chor findet seinen Ton. Wer spotte, höre nur in den Höfen: Der Stein kann Musik erinnern.

Ort: Empore und Chorgestühl der Burgkapelle; Schallwege durch Schweizerhof und Gänge zur Augustinerkirche


Varianten der Erzählung: Klang in Allerseelen- oder Weihnachtsnächten · ein unsichtbarer Chor singt ein »Laudate« · Kerzen tropfen, ohne zu brennen · skeptische Deutung: Echoschächte der Höfe, späte Proben, Zugluft, die Mundglas »singen« lässt.

Historischer Hintergrund

Zur Einordnung: Die Burgkapelle ist seit dem späten 15. Jahrhundert mit der kaiserlichen Hofmusik verbunden; aus der Hofsänger-Tradition ging der Knabenchor hervor, der später als Wiener Sängerknaben bekannt wurde. Die dichten Höfe und Treppenhäuser der Hofburg bilden Echoräume, in denen selbst entfernte Klänge »stehen«. Späte Proben, offene Schallwege und nächtliche Akustik boten Stoff für eine Andachts- und Spukgeschichte – zwischen Hofzeremoniell und Sonntagsmesse. [1]



Quellen

  • Gustav Gugitz: Die Sagen und Legenden der Stadt Wien. Wien 1952 – Dom- und Hoflegenden (Musik/Andacht).
  • Dehio Wien I: Burgkapelle der Hofburg; Augustinerkirche (Musik/Emporen).
  • Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien – Burgkapelle; Hofmusikkapelle; Wiener Sängerknaben.
  1. Hofmusik- und Stadttopographie: Burgkapelle/Hofmusikkapelle; akustische Eigenheiten der Hof- und Treppenräume.