Das Wunder des heiligen Laurenz

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Sagen und Legenden
Das Wunder des heiligen Laurenz



Diese Wiener Überlieferung erzählt davon, wie der heilige Laurenz selbst in menschlicher Gestalt erschienen sein soll, um einem Kapuzinerpater zu helfen. Zugleich stärkte die Begebenheit den Ruf einer Laurenz-Statue als wundertätiges Bildwerk.

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Der heilige Laurenz auf dem Kohlmarkt

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Hl Laurentius

In der Klosterkirche zu St. Laurenz in Wien stand auf dem Laurenzaltar eine Statue des heiligen Laurenz, die später als wundertätig verehrt wurde. Der Ursprung dieses Rufes lag, so erzählt die Überlieferung, in einer merkwürdigen Begebenheit aus dem Jahr 1614.

Ein Kapuzinerpater war damals mit einem Begleiter unterwegs, um Almosen zu sammeln. Als er einen protestantischen Edelmann um eine Gabe bat, wurde er abgewiesen. Enttäuscht zog er weiter. Doch bald darauf begegnete ihm am Kohlmarkt ein junger Mann, der ihn aufforderte, es bei dem Adeligen noch einmal zu versuchen.

Der Pater folgte diesem Rat und kehrte um. Diesmal erhielt er ohne Zögern eine reiche Spende. Verwundert über die plötzliche Wendung gingen der Pater und sein Begleiter anschließend in die Kirche zu St. Laurenz, um dort vor dem Altar zu beten.

Als sie die Statue des heiligen Laurenz betrachteten, erkannten beide voller Staunen in ihr genau jenen Jüngling wieder, der ihnen am Kohlmarkt begegnet war. So entstand die Überzeugung, der heilige Laurenz selbst habe in menschlicher Gestalt eingegriffen und ihnen geholfen. [1]

Historischer Hintergrund

Die Sage vom Wunder des heiligen Laurenz gehört zu jenen barocken Wiener Überlieferungen, in denen Heilige nicht nur als ferne Fürsprecher, sondern als unmittelbar handelnde Gestalten erscheinen. Solche Geschichten stärkten die Verehrung bestimmter Altäre, Bilder oder Statuen und machten einzelne Kirchen zu besonderen Orten der Frömmigkeit.

Der heilige Laurenz war einer der bekanntesten Märtyrer der alten Kirche und wurde im katholischen Raum vielfach verehrt. Wenn eine Statue als wundertätig galt, beruhte dies oft auf Berichten über Gebetserhörungen, Heilungen oder wunderbare Erscheinungen. In diesem Fall war es die Ähnlichkeit zwischen einer lebendig erlebten Gestalt und der Figur auf dem Altar, die als Zeichen gedeutet wurde.

Auffällig ist auch der konfessionelle Hintergrund der Erzählung. Dass ein zunächst abweisender protestantischer Edelmann nach der geheimnisvollen Begegnung doch eine Gabe spendet, spiegelt die Spannungen und religiösen Deutungsmuster der Zeit nach der Reformation wider. Die Sage verbindet damit Wunderglaube, Heiligenverehrung und konfessionelle Polemik auf typische Weise.


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Quellen

  1. Gustav Gugitz: Die Sagen und Legenden der Stadt Wien, Wien 1952, Nr. 72, S. 89