Allerseelen und das Allerseelenstück

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Rituale und Brauchtum
Allerseelen und das Allerseelenstück

Ganz Wien Allerseelen (2. November) Begräbnisrituale Wiener Theaterbrauchtum

Relevante Bezüge: Friedhöfe in Wien, insbesondere Zentralfriedhof; Kärntnertortheater, Theater in der Leopoldstadt und in der Josefstadt, Freihaustheater auf der Wieden.

Allerseelen und das Allerseelenstück

Totenfest am 2. November, Friedhofsbräuche und ein besonderes Bühnenritual in Wien

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Allerseelen am Friedhof der Namenlosen 1886

Allerseelen, das Totenfest am 2. November, wurde im großstädtischen Wien mit besonderer Intensität begangen. Man besuchte die Friedhöfe, schmückte die Gräber mit Kerzen, Kränzen und Blumen, hielt Totenfeiern ab und las in den Zeitungen eigens verfasste Allerseelenartikel. Die Volkskundlerin Helga Maria Wolf und andere Autorinnen und Autoren beschreiben, wie diese Tage zwischen Herbst und Frühwinter das Bild der Stadt sichtbar veränderten.[1]

Parallel zum kirchlichen Totengedenken entstand in Wien ein eigenes Theaterbrauch: das Allerseelenstück. An den Abenden um den 1. und 2. November standen im Spielplan weltliche Schauer- und Rührstücke, die mit Friedhofsszenen, Geistererscheinungen und Strafgerichten spielten und so den Anlass in dramatischer Form spiegelten. Der Brauch ist seit dem frühen 18. Jahrhundert nachweisbar und wurde über mehr als ein Jahrhundert gepflegt.[2][3]

Allerseelen in Wien

Allerseelen geht auf das Mittelalter zurück und ist im katholischen Kalender das Gedenkfest für alle Verstorbenen. In Wien beschreibt die Volkskunde das Doppel von Allerheiligen und Allerseelen als starken Einschnitt im Jahreslauf: Friedhofsbesuche setzten eine regelrechte Volksbewegung in Gang, Kranzniederlegungen und Grablichter prägten das Stadtbild. Geistliche Feiern, verkürzte Amtszeiten und ein eher stiller Charakter des Tages standen neben dem sehr sichtbaren, manchmal auch als morbide empfundenen Friedhofsbesuch.[4]

Zeitgenössische Berichte aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert schildern, wie Zeitungen besondere Allerseelenartikel brachten, Vereine und Militär Kranzniederlegungen veranstalteten und sich die Stadt zwischen Zentralfriedhof, Bezirksfriedhöfen und Innenstadt in einen großen Erinnerungsraum verwandelte. Vor diesem Hintergrund erscheint das Allerseelenstück als eine theatralische Fortsetzung der Totenfeier mit den Mitteln der Bühne.

Das Allerseelenstück in den Wiener Theatern

Unter Allerseelenstück verstand man in Wien ein weltliches Bühnenstück, das zu Allerheiligen und Allerseelen auf dem Programm stand, meist im Abendtermin des 1. oder 2. November. Die erste Erwähnung des Brauchs fällt in das Jahr 1717: Damals wurde im Kärntnertortheater das Stück Don Juan oder Das steinerne Gastmahl gespielt. Das Stück mit der berühmten Totengast-Szene eignete sich wegen seines Grab- und Geistermotivs besonders gut für den Allerseelentag und wurde über Jahrzehnte hinweg fast ritualartig wiederholt.[5]

Im Jahr 1769 wurde die bisherige Don-Juan-Fassung untersagt. Johann Gottlieb Stephanie der Jüngere schuf daraufhin eine Bearbeitung des Macbeth-Stoffs, die unter dem Untertitel Das neue steinerne Gastmahl als neues Allerseelenstück fungierte. In seiner Vorrede erklärt er ausdrücklich, dass dieses Schauspiel den Platz des verbotenen Don Juan an Allerseelen einnehmen solle. Die Wiener Forschung beschreibt, wie Stephanies Macbeth in den 1770er-Jahren mit Geistererscheinungen, Rauch und Flammeneffekten das Publikum anzog und so die Tradition des spektakulären Allerseelenstücks fortsetzte.[6]

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts trat ein anderes Werk in diese Rolle: Rudolph von Felseck oder: Die Schwarzthaler Mühle, ein Ritter- und Schauerstück von Josef Korompay mit Musik von Pavel Vranický. In Literaturlexika wird das Stück ausdrücklich als Allerseelentagsstück in Wien bis 1801 bezeichnet, und Theaterchroniken nennen Aufführungen zwischen 1792 und 1800, insbesondere im Kärntnertortheater.[7]

Parallel dazu entwickelte sich auf den Vorstadtbühnen eine eigene Allerseelen-Tradition. Im Theater in der Leopoldstadt wurde ab 1783 Marinellis Dom Juan, oder Der steinerne Gast gespielt, eine Don-Juan-Bearbeitung mit der populären Figur des Kasperls. Theatergeschichtliche Studien zeigen, dass dieses Stück zwischen 1783 und 1821 dutzendfach lief und explizit als Allerseelenstück oder Allerseelentagsstück der Leopoldstädter Bühne galt. Später wurde der Stoff für das Theater in der Josefstadt eingerichtet und blieb auch dort mit dem Allerseelenprogramm verbunden.[8]

Im frühen 19. Jahrhundert kamen neue Stoffe hinzu. Emanuel Schikaneder ließ für das Freihaustheater auf der Wieden ein Stück mit dem Titel Schwert der Gerechtigkeit schreiben, das ebenfalls im Allerseelenumfeld gespielt wurde. 1830 entstand Ernst Raupachs Schauer- und Rührstück Der Müller und sein Kind, das sich in Wien und im deutschsprachigen Raum als klassisches Allerseelenstück etablierte. Theatergeschichten berichten, dass es als Allerseelentagsstück immer wieder an diesen Tagen angesetzt wurde und sich noch im späten 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute.[9]

Stimmung und Funktion des Allerseelenstücks

Inhaltlich verband das Allerseelenstück Motive von Schuld, Sühne und Gericht mit dem Reiz des Schauers. Friedhöfe, nächtliche Landschaften, sturmumtoste Mühlen oder Spukerscheinungen bildeten typische Schauplätze. Das Publikum erwartete starke Effekte: Geisterauftritte, Rauch, Donner, fallende Felsen oder das Öffnen der Erde für den Verdammten gehören zu den immer wieder geschilderten Theaterbildern des Genres. Zugleich griffen die Stücke Themen auf, die zur Totenfeier passten, etwa die Verantwortung der Lebenden, Reue und die Frage nach einem jenseitigen Gericht.

Volkskundliche Darstellungen betonen, dass sich das ernste Gedenken auf dem Friedhof und die eher unterhaltsame Gruselwirkung auf der Bühne nicht widersprachen, sondern in der Wahrnehmung der Zeitgenossen zusammengehörten. In der Erinnerung an das alte Wien ist daraus eines der Bilder des sogenannten morbiden Wien geworden, in dem Totenfest, Friedhofsspaziergang und Theaterabend an Allerseelen ein zusammenhängendes Ritual bilden.[10]

Rückgang des Brauchs und Nachwirkungen

Mit den Veränderungen des Theaterbetriebs im 19. Jahrhundert löste sich die enge Bindung zwischen bestimmten Stücken und dem Allerseelentermin allmählich. Allerseelenstücke wurden zwar weiterhin gespielt, aber nicht mehr ausschließlich zu Allerseelen und nicht mehr an allen Wiener Bühnen. Das Genre lebte eher als Tradition einzelner Häuser fort. Besonders Der Müller und sein Kind blieb vielerorts ein Allerseelentagsstück und wurde im Umfeld des 2. November immer wieder neu inszeniert, während Don-Juan- und Macbeth-Fassungen stärker in den allgemeinen Repertoirebetrieb übergingen.[11]

Im 20. Jahrhundert taucht der Begriff Allerseelenstück vor allem noch in Rückblicken, Theatergeschichten und Ausstellungen auf. Museen und Archive verwenden ihn, um die Verbindung von Totenfest und Bühne zu erläutern und anhand von Plakaten, Szenenbildern und Librettodrucken vor Augen zu führen, wie stark Allerseelen einst mit einer ganz bestimmten Art von Theaterabend verbunden war.

Vertiefende Informationen: Kategorie:Rituale und Brauchtum · Allerheiligenstriezel · Das dreifache Klopfen in der Kapuzinergruft · Wiener Theatergeschichte im 18. und 19. Jahrhundert.

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Quellen

  1. Helga Maria Wolf, Allerheiligen und Allerseelen, in: ABC zur Volkskunde Österreichs, Austria-Forum.
  2. Wien Geschichte Wiki, Artikel Allerseelenstück
  3. Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Bd. 1., Kremayr & Scheriau, Wien 1992, S. 52
  4. Leopold Schmidt, Wiener Volkskunde, Wien 1940, sowie Helga Maria Wolf, Allerheiligen und Allerseelen, Austria-Forum, Abschnitt zur Totenfeier in Wien.
  5. ABC zur Volkskunde Österreichs, Allerheiligen/Allerseelen, Abschnitt zu den Wiener Allerseelenstücken; Don Juan Archiv Wien, Übersicht zur Wiener Don-Juan-Tradition.
  6. Thomas Hödl, Macbeth-Bearbeitungen auf der Wiener Bühne, Masterarbeit Universität Wien, mit Auswertung von Stephanies Vorrede und Spielplänen der 1770er-Jahre.
  7. ABC zur Volkskunde Österreichs, Allerheiligen/Allerseelen, mit Hinweis auf die Spielserie 1792–1800; Deutsches Literatur-Lexikon, Band 9, Stichwort Korompay, mit der Bemerkung, das Stück sei Allerseelentagsstück in Wien gewesen.
  8. Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte, Band 11, Abschnitt zur Wiener Don-Juan-Tradition; Don Juan Archiv Wien, Hinweise zur Aufführungsserie im Theater in der Leopoldstadt und in der Josefstadt.
  9. Helga Maria Wolf, Allerheiligen und Allerseelen, Austria-Forum, Hinweis auf Der Müller und sein Kind; Friedrich Weissenböck, Die Theater Wiens, Abschnitt über das Allerseelentagsstück; Beiträge des Theatermuseums Wien zu Allerseelen auf der Bühne.
  10. Leopold Schmidt, Wiener Volkskunde, sowie Helga Maria Wolf, Allerheiligen und Allerseelen, mit Bemerkungen zur besonderen Stimmung des Totengedenkens in Wien und den Allerseelenstücken.
  11. Friedrich Weissenböck, Die Theater Wiens; Hinweise in Theaterchroniken und Rezensionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu Allerseelenaufführungen von Ernst Raupachs Der Müller und sein Kind.