Stephansdom: Das Türkendenkmal

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Stephansdom
Das Türkendenkmal


Stephansdom: Das Türkendenkmal
Das Türkendenkmal
Türkendenkmal

Das Türkendenkmal, auch Türkenbefreiungsdenkmal genannt, wurde im Stephansdom zur Erinnerung an die 200 Jahre zuvor abgewehrte Zweite Wiener Türkenbelagerung von 1683 errichtet. Es wurde nach Entwürfen von Edmund Hellmer geschaffen und am 13. September 1894 enthüllt.

Das Denkmal wurde 1945 beim Brand des Doms durch die herabstürzende alte Pummerin zerstört. Nach dem Krieg baute man die erhaltenen Teile in fragmentarischer Form wieder auf. Einige zerstörte Figuren befinden sich heute noch im Lapidarium in der Unterkirche.

Enthüllung: 13. September 1894
Künstler: Edmund Hellmer
Stil: Historismus mit barocken Anklängen
Lage: südliches Querschiff / Turmhalle des Südturms, Westwand
Anlass: Erinnerung an die Befreiung Wiens 1683
Besonderheiten: monumentales Figurenprogramm, 1945 zerstört, 1947 fragmentarisch wiederaufgebaut

Geschichte

Das Türkendenkmal wurde anlässlich der Erinnerung an die Befreiung Wiens von der zweiten Türkenbelagerung 1683 geschaffen. Im Vorfeld der Jubiläumsfeiern des späten 19. Jahrhunderts entstand ein heftiger Streit darüber, wer ein solches Denkmal errichten sollte und wem dieses Andenken eigentlich gelten sollte: dem Kaiserhof, dem Staat oder den Bürgern Wiens. Am Ende entstanden zwei verschiedene Erinnerungsorte – das Liebenberg-Denkmal für die Rolle der Wiener Bürger und das Türkendenkmal im Stephansdom für die Gesamtheit der Helden von 1683.[1]

Der Auftrag ging nach einer Ausschreibung an Edmund Hellmer. Die Jury vergab den ersten Preis am 26. April 1883 an den Bildhauer und Architekten. Bis zur Ausführung wurde der Entwurf mehrfach verändert. Ursprünglich sollte Kaiser Leopold I. das Denkmal bekrönen; nach kirchlicher Kritik ersetzte man ihn durch Maria als Bekrönungsfigur.

Enthüllt wurde das Monument schließlich am 13. September 1894 im Stephansdom. Die Feier stieß durchaus nicht nur auf Zustimmung: Zeitgenössische Stimmen bemängelten, dass die Enthüllung im Halbdunkel des Doms und fern vom breiten Wiener Publikum stattfand.

Aufbau und Bildprogramm

Das Türkendenkmal war ursprünglich als monumentales historistisches Erinnerungsmal gestaltet, das im Aufbau an einen Altar erinnerte. Albert Ilg beschrieb es schon im 19. Jahrhundert als eine Komposition, die sich eng an den Aufbau eines Barockaltars anlehnte, wenn auch in Renaissanceformen.

Im ursprünglichen Denkmal ritt im Zentrum Graf Rüdiger von Starhemberg, umgeben von Bürgern und Studenten, den Befreiern entgegen. Unter den Hufen seines Pferdes lag ein besiegter Türke. Über dieser Szene schwebte die Siegesgöttin Victoria; darüber stand in goldenen Lettern der Schriftzug Gloria VictoribusRuhm den Siegern.

Seitlich erschienen weitere zentrale Figuren des Jahres 1683: Paul Sorbait, Leopold Karl von Kollonitsch, Andreas von Liebenberg sowie die Heerführer Karl V. von Lothringen, Johann Georg III. von Sachsen, Jan III. Sobieski und Maximilian II. Emanuel von Bayern. Ganz oben stand Maria im Strahlenkranz; zu ihren Füßen knieten Papst Innozenz XI. und Kaiser Leopold I.

Heute ist dieses Bildprogramm nur noch fragmentarisch erhalten. Bewahrt blieben vor allem die Bekrönungsgruppe mit Maria, Papst Innozenz XI. und Kaiser Leopold I.; weitere zerstörte Figuren und Fragmente befinden sich im Lapidarium des Stephansdoms.

Zerstörung 1945

Am Ende des Zweiten Weltkriegs geriet der Stephansdom in Brand. Am 12. April 1945 stürzte die alte Pummerin aus dem Südturm und zerstörte das Türkendenkmal in der Turmhalle. Gerade dieser Umstand verlieh dem zerstörten Monument später eine fast symbolische Doppelbedeutung: Das Denkmal zur Erinnerung an die Abwehr der Türken wurde durch eine Glocke vernichtet, die einst aus türkischen Kanonen gegossen worden war.[2]

1947 wurden die unversehrt gebliebenen Teile an derselben Stelle wieder angebracht. Erhalten blieben vor allem die Bekrönungsgruppe mit Maria, Papst Innozenz XI. und Kaiser Leopold I. Dazu kam eine neue Gedenktafel mit einem Text von Paula Preradović; die lateinische Fassung stammte von Erzbischof-Koadjutor Franz Jachym.[3]

Heutiger Zustand

Heute ist das Türkendenkmal nur noch fragmentarisch erhalten. Gerade dieser Zustand ist aber selbst Teil seiner Geschichte. Das heutige Denkmal zeigt nicht mehr das große historistische Gesamtprogramm des späten 19. Jahrhunderts, sondern die nach Krieg und Zerstörung geretteten Reste.

Einige zerstörte Figuren und Fragmente befinden sich heute im Lapidarium des Stephansdoms, weitere Teile kamen in das Historische Museum der Stadt Wien. Das erste Modell Hellmers wird im Wiener Dom- und Diözesanmuseum aufbewahrt.[4]

Gerade deshalb ist das Türkendenkmal heute doppelt interessant: als Erinnerungsmal an 1683 und zugleich als Zeugnis dafür, wie der Stephansdom selbst zum Träger neuer Erinnerungsschichten des 20. Jahrhunderts wurde.

Gedenktafel Türkendenkmal

Gedenktafel Türkendenkmal

Einst in der türkischen Not zu Hilfe kam rettend Maria
Stolze Gestalten in Stein zeugten vom Dank ihrer Stadt
Nun, da der furchtbarste Krieg zerstörte den Dom und das Denkmal,
Jungfrau, Kaiser und Papst einzig verschonte der Brand
Innozenz sehet den Elften und Leopoldus den Ersten
Knieend mahnen sie euch: Lasset zu hoffen nicht ab!
Nie wird in künftigem Sturm ihr betendes Wien sie verlassen
Österreichs Mutter, sie hilft, seid Ihr nur stark und getreu.

Interessantes

Im Volksmund wurde das Monument auch Starhembergdenkmal genannt, obwohl es viel mehr Figuren und Bedeutungen in sich vereinte. Gerade daran zeigt sich, wie stark einzelne Heldenfiguren die Wahrnehmung des Denkmals bestimmten.[5]

Interessantes

Maria ersetzt den Kaiser
Besonders aufschlussreich ist die Geschichte der Bekrönungsfigur. Im ersten Modellentwurf Edmund Hellmers stand nicht Maria, sondern Kaiser Leopold I. ganz oben auf dem Denkmal. Erst nach kirchlicher Kritik wurde diese Lösung verworfen. An die Stelle des Kaisers trat die Madonna, zu deren Füßen nun Papst Innozenz XI. und Kaiser Leopold I. knieten. Dadurch verschob sich die Aussage des Monuments deutlich: Aus einem stärker dynastisch geprägten Herrscherdenkmal wurde ein religiös aufgeladener Erinnerungsort, in dem die Befreiung Wiens unter den Schutz Mariens gestellt wurde. Später erhielt die Bekrönungsfigur zusätzlich einen Strahlenkranz, der diese marianische Überhöhung noch verstärkte.
Der kranke Mann im Pelz
Im Zentrum des Denkmals stand von Anfang an der kaiserliche Stadtkommandant Ernst Rüdiger von Starhemberg. Über ihm schwebte die Siegesgöttin Victoria, während seitlich weitere Befreier der Stadt dargestellt werden sollten. Gerade diese Anordnung zeigt, wie sehr das Denkmal historische Erinnerung in eine klare Rangordnung brachte: In der Mitte stand nicht die Bürgerschaft Wiens, sondern der militärische Führer im Dienst des Kaisers.
Besonders sprechend ist in diesem Zusammenhang die Rolle des Bürgermeisters Andreas von Liebenberg. Während ihn das Wiener Bürgertum um 1883 als Identifikationsfigur neu entdeckte, wurde er im staatlichen Monument nur am Rand mitgeführt. Zeitgenössisch wurde sogar bemerkt, er erscheine hier eher als „kranker Mann im Pelz“ denn als eigentlicher Held. Damit wurde Liebenberg symbolisch aus der städtischen Erinnerung herausgelöst und in ein staatlich dominiertes Geschichtsbild eingepasst.
Kompromisse rund um den Sockel
Auch am Sockel änderte sich das Programm. Im ersten Holzmodell war noch ein Relief der Entsatzschlacht vorgesehen. Später dachte man – unter dem Eindruck einer parlamentarischen Anfrage des tschechisch-nationalen ‚Nationalitäten-Clubs‘ – daran, stattdessen ein Porträtmedaillon des Grafen Kaspar Zdeněk Kaplíř einzufügen, also jenes zivilen kaiserlichen Verteidigers der Stadt, der in der Erinnerung ebenfalls eine Rolle spielte. Ausgeführt wurde schließlich aber eine von zwei Genien gehaltene Inschriftentafel mit den Namen der Regimenter des kaiserlichen Heeres. Auch darin zeigt sich, wie stark das Denkmal auf das Heer und die staatliche Erinnerung ausgerichtet wurde.
Das Dommuseum und der Entwurf zum Denkmal
Der erste Entwurf Hellmers ist heute im Wiener Dom- und Diözesanmuseum erhalten. Gerade dieser Vergleich zwischen Modell und ausgeführtem Monument macht sichtbar, wie sehr das Türkendenkmal nicht einfach „nur“ ein Denkmal für 1683 war, sondern ein umkämpfter Ort der Deutung: Kirche, Staat, Dynastie und Bürgertum versuchten jeweils, ihre eigene Lesart der Geschichte in Stein zu fassen.[6][7]


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Quellen