Spaziergang: Starke Wiener Frauen
Frauen in der Wiener Geschichte – Ein Stadtspaziergang durch den 1. Bezirk
- Dauer: ca. 2–2,5 Stunden
- Startpunkt: Am Hof
- Endpunkt: Rosa-Mayreder-Park beim Schottentor
- Fokus: Erinnerungskultur, Frauengeschichte, feministische Perspektiven
- Kombinierbar: Jüdisches Wien, Heilige & Genies, Wiener Salonkultur
Dieser Spaziergang führt durch die Innere Stadt – mit einem Blick auf Frauen, die in Wien gewirkt, regiert, geschrieben, gelitten oder inspiriert haben.
Im Zentrum stehen nicht nur berühmte Namen wie *Maria Theresia* oder *Rosa Mayreder*, sondern auch Frauen, die lange Zeit unsichtbar blieben: Erzieherinnen, Schauspielerinnen, Aktivistinnen, Wissenschaftlerinnen, Widerstandskämpferinnen.
Die Route zeigt: Die Geschichte Wiens ist nicht nur eine Geschichte der Männer – und der öffentliche Raum erinnert bislang nur unzureichend daran.
Dieser Spaziergang ist eine Einladung zum Sehen, Nachlesen – und Weiterfragen.
✿ Station 1: Am Hof – Mariensäule & Frauenbildpolitik
- Am Hof, 1010 Wien – einer der ältesten Plätze Wiens
- Errichtet 1667 im Auftrag von Kaiser Leopold I.
- Symbolisiert das Idealbild der *unbefleckten Frau* – Maria Immaculata
- Frauenbild: Reinheit, Demut, Schutzfunktion
Datei:Wien-AmHof-Mariensaeule.jpg
Die Mariensäule am Platz Am Hof ist eines der ältesten Monumente Wiens, das öffentlich ein weibliches Idealbild propagiert. Gestiftet 1667 nach einem Pestgelübde, erhebt sie Maria – die *Immaculata*, also die Unbefleckte – über die Stadt.
Die Statue zeigt Maria als Himmelskönigin auf einer Wolkensäule, umgeben von vier Putten, die personifizierte Übel bezwingen (Krieg, Pest, Hunger, Ketzerei). Damit wird Maria zur Schutzherrin erklärt – eine weibliche Machtfigur, allerdings rein religiös und idealisiert Frauen erscheinen hier nicht als handelnde Subjekte, sondern als Projektionsfläche: rein, passiv, göttlich geschützt – ein frühes Beispiel symbolischer Frauenpolitik im öffentlichen Raum.
Bis ins 19. Jahrhundert diente die Mariensäule auch als Kulisse für feierliche Marienprozessionen. Das Idealbild der schweigenden, reinen Frau wurde hier kultisch inszeniert.
✿ Station 2: Graben 31 – Gräfin Karoline von Fuchs-Mollard
- Graben 31, 1010 Wien – Palais Equitable
- Gedenktafel für *Karoline von Fuchs-Mollard*
- Erzieherin und Vertraute Maria Theresias
- Einzige Nicht-Habsburgerin in der Kapuzinergruft
Datei:Gedenktafel Karoline Fuchs Mollard Graben Wien.jpg
Karoline von Fuchs-Mollard (1675–1754) war die engste Vertraute und Erzieherin der jungen Erzherzogin Maria Theresia. Sie stammte aus einer alten Adelsfamilie und hatte als „Hofdame mit Einfluss“ Zugang zum innersten Kreis des Kaiserhofs.
Ihre Erziehung prägte Maria Theresia entscheidend – von Umgangsformen bis zur religiösen Erziehung. Auch nach der Thronbesteigung blieb sie als Ratgeberin und Freundin an ihrer Seite.
Als Zeichen besonderer Anerkennung wurde sie nach ihrem Tod in der *Kapuzinergruft* bestattet – ein außergewöhnlicher Vorgang, denn sie ist die einzige Nicht-Habsburgerin, der diese Ehre zuteilwurde.
Die Gedenktafel am heutigen Palais Equitable (ehemals Wohnhaus der Familie) erinnert an eine Frau, deren Einfluss auf Österreichs Geschichte lange unsichtbar war – und die heute als Symbol weiblicher Wirkmacht „hinter dem Thron“ gilt.
✿ Station 3: Kleeblattgasse 5 – Therese Krones, Schauspielerin des Biedermeier
- Kleeblattgasse 5, 1010 Wien
- Geburtshaus der gefeierten Schauspielerin *Therese Krones* (1801–1830)
- Populär auf Wiener Bühnen – vor allem am Leopoldstädter Theater
- Gedenktafel erinnert an das „Kronenlicht des Volkstheaters“
Datei:Gedenktafel Therese Krones Kleeblattgasse Wien.jpg
Therese Krones wurde 1801 in der Kleeblattgasse geboren. Sie war die Tochter eines Schauspielers und wuchs mit dem Theater auf. Schon früh stand sie auf der Bühne, doch ihr Ruhm entfaltete sich in den 1820er Jahren am Leopoldstädter Theater.
Sie war berühmt für ihre Darstellung volkstümlicher, komischer und naiver Frauenrollen – oft mit selbstironischem Witz und unerwarteter Tiefe. Besonders erfolgreich war sie in Stücken von Ferdinand Raimund, mit dem sie eine enge Bühnenpartnerschaft verband.
Ihr früher Tod mit nur 29 Jahren wurde zum Medienthema – Gerüchte um Herzschmerz, Verleumdung und Krankheit machten die Runde. Die Stadt trauerte. Am Zentralfriedhof erinnert heute ein Ehrengrab an sie.
Die Gedenktafel in der Kleeblattgasse feiert sie als eine der ersten weiblichen Bühnenstars Wiens – und als Frau, die mit Humor und Talent eine Bühne eroberte, die lange Männern gehörte.
✿ Station 4: Judengasse 8 – Fanny von Arnstein: Salonnière der Aufklärung
- Judengasse 8, 1010 Wien – ehemaliges Wohnhaus der Familie Arnstein
- *Fanny von Arnstein* (1758–1818) – jüdische Bankierstochter, Gastgeberin des ersten Wiener Salons
- Kulturvermittlerin zwischen Judentum, Aufklärung und Gesellschaft
- Gedenktafel erinnert an ihre Rolle im Wiener Geistesleben
Datei:Gedenktafel Fanny von Arnstein Judengasse Wien.jpg
Fanny von Arnstein wurde 1758 in Berlin geboren und kam mit ihrem Mann, dem Bankier Nathan von Arnstein, nach Wien. In der Judengasse führte sie im Haus Nr. 8 einen literarischen und politischen Salon – den ersten seiner Art in der Stadt.
Hier traf sich die kulturelle Elite: Schriftsteller, Diplomaten, Musiker, Künstler – aber auch politische Köpfe. Ihr Salon wurde besonders während des Wiener Kongresses (1814/15) zum Treffpunkt europäischer Netzwerke. Sie galt als scharfsinnige, gebildete Gesprächspartnerin mit internationalem Weitblick.
Fanny war auch eine Pionierin jüdischer Emanzipation: Als jüdische Frau in einer christlich dominierten Gesellschaft nahm sie sich ihren Platz – mit Stil, Intellekt und Charisma.
Die Gedenktafel an der Fassade ehrt sie als kulturelle Brückenbauerin – zwischen den Konfessionen, zwischen den Geschlechtern, zwischen Macht und Geist.
✿ Station 5: Ballhausplatz – Maria Theresia, Herrscherin & Mutterfigur
- Ballhausplatz, 1010 Wien – Skulptur von Alfred Hrdlicka (1991)
- Maria Theresia (1717–1780): Kaiserin, Reformerin, 16-fache Mutter
- Darstellung als barocke Sitzfigur mit aufgelösten Insignien
- Kontrast zu üblichen Reiterstandbildern männlicher Herrscher
Datei:Hrdlicka Maria Theresia Ballhausplatz Wien.jpg
Die 1991 errichtete Skulptur von Alfred Hrdlicka zeigt *Maria Theresia* in ungewöhnlicher Pose: als mächtige, aber erschöpfte Frau, auf einem Barocksessel ruhend, das Zepter auf dem Boden, den Kopf leicht geneigt.
Hrdlicka wollte die *menschliche Seite der Macht* zeigen – nicht als heroisches Denkmal, sondern als ambivalente Figur: Herrscherin und Mutter, Reformerin und Autorität. Maria Theresia regierte fast 40 Jahre lang, reformierte Verwaltung, Schulwesen und Armee – und war zugleich Symbol staatstragender Weiblichkeit.
Im Kontrast zu Reiterstandbildern wirkt diese Figur geerdet, realistisch, fast verletzlich – und doch stolz. Ein Denkmal weiblicher Staatlichkeit – jenseits klassischer Heldeninszenierung.
✿ Station 6: Josefsplatz – Habsburgerinnen & die Hofbibliothek
- Josefsplatz, 1010 Wien – barocker Platz mit Nationalbibliothek
- Zentrum höfischer Bildung – auch für Habsburgerinnen
- Frauen als Leserinnen, Auftraggeberinnen & Stifterinnen
- Ort weiblicher Gelehrsamkeit im Verborgenen
Datei:Wien Josefsplatz Österreichische Nationalbibliothek.jpg
Die Hofbibliothek (heute Österreichische Nationalbibliothek) war über Jahrhunderte ein Ort männlicher Gelehrsamkeit – aber im Schatten dieser Öffentlichkeit waren es oft *Frauen*, die Bücher sammelten, stifteten und lasen.
- Maria Theresia* ließ hier Werke einbinden, systematisieren und katalogisieren – nicht nur für den Staat, sondern auch für ihre Töchter. *Maria Carolina*, *Maria Anna*, *Marie Antoinette* – sie alle erhielten Bibliotheksausbildungen, lasen Philosophie, Geschichte und Ethik.
Auch spätere Erzherzoginnen wirkten als Mäzeninnen, etwa für Übersetzungen, Enzyklopädien oder naturwissenschaftliche Sammlungen. Frauen lasen – aber sie taten es meist im Stillen.
Der Josefsplatz wird so zu einem Symbol für weibliche Wissbegierde, für Gelehrsamkeit im Verborgenen – und für das Ringen um geistige Teilhabe in einer patriarchalen Welt des Wissens.
✿ Station 7: Burgtheater – Die Frau als Allegorie der Kunst
- Universitätsring 2, 1010 Wien – Burgtheater-Fassade
- Allegorische Frauenskulpturen als Personifikationen von „Dichtung“ und „Musik“
- Frauen als Symbolträgerinnen, nicht als Schöpferinnen
- Kritikpunkt feministischer Denkmalforschung
Datei:Burgtheater Frauenskulptur Wien.jpg
Das Burgtheater gilt als Bühne der Nation – errichtet 1888, mit prachtvoller Fassade, geschmückt von allegorischen Figuren. Viele davon sind *weiblich*: „Dichtung“, „Musik“, „Hingabe“, „Muse“. Sie stehen für Inspiration, Gefühl, Kreativität.
Doch auffällig ist: Diese Figuren sind idealisiert – Frauen als schöne Hüllen, Sinnbilder männlich definierter Ideale. Die realen Schriftstellerinnen, Schauspielerinnen oder Intellektuellen finden sich hier nicht wieder.
Feministische Denkmalforschung kritisiert diese Form der Repräsentation: Frauen dürfen dekorieren, aber nicht sprechen; sie verkörpern, was andere erschaffen. Die Fassade des Burgtheaters ist ein sprechendes Beispiel für diese symbolische Reduktion.
Heute stehen echte Künstlerinnen längst auf der Bühne – aber im Stein blieb die Rollenverteilung jahrzehntelang konserviert.
✿ Station 8: Löwelstraße 4–6 – Zentrum der Frauenbewegung um 1900
- Löwelstraße 4–6, 1010 Wien – ehemaliges *Haus der Frauenbewegung*
- Hier wirkten: *Marianne Hainisch*, *Auguste Fickert*, *Rosa Mayreder*, *Berta Pappenheim* u. v. m.
- Gründungsort von Vereinen, Versammlungen, ersten politischen Frauenzeitungen
- Heute erinnert fast nichts mehr daran – ein verschwundener Ort der Emanzipation
Datei:Gedenktafel Rosa Mayreder Wien Löwelstraße.jpg
Um 1900 war die Löwelstraße 4–6 eine der wichtigsten Adressen der ersten österreichischen Frauenbewegung. Hier trafen sich Aktivistinnen, Lehrerinnen, Schriftstellerinnen, Sozialarbeiterinnen – sie organisierten sich in Vereinen, hielten Vorträge, gründeten Zeitschriften und forderten Reformen.
- Marianne Hainisch* kämpfte für höhere Mädchenbildung, *Auguste Fickert* für Lehrerinnenrechte, *Rosa Mayreder* analysierte in ihren Schriften die bürgerliche Geschlechterordnung. *Berta Pappenheim*, die hier mehrfach auftrat, verknüpfte jüdische Sozialarbeit mit feministischer Theorie.
Die Räume waren Treffpunkt und Denkraum zugleich – Debatten über Ehe, Erziehung, Arbeitsrecht, Wahlrecht wurden hier öffentlich. Die Löwelstraße war das Herz der Frauenemanzipation – und ist heute nahezu vergessen.
Ein Spaziergang, der Frauen sichtbar machen will, kommt an diesem „unsichtbaren Denkmal“ nicht vorbei.
✿ Station 9: Grillparzerstraße 1 – Erste Frauenhochschule Wiens
- Grillparzerstraße 1, 1010 Wien – Ecke Goethegasse
- Sitz der ersten Frauenhochschule Wiens ab 1892
- Initiatorinnen: *Marianne Hainisch*, *Rosalia Exner*, *Augustine von Littrow*
- Fokus: Geschichte, Literatur, Philosophie, Naturwissenschaften – für Frauen zugänglich gemacht
An dieser Adresse entstand 1892 Wiens erste Hochschule nur für Frauen – ein revolutionärer Schritt in einem männlich dominierten Bildungssystem. Die *Wiener Frauenakademie* ermöglichte erstmals Frauen einen systematischen Zugang zu wissenschaftlichen Vorträgen und Kursen, zu denen sie an der Universität nicht zugelassen waren.
Die Gründerinnen setzten auf öffentliche Bildung als Mittel zur Selbstermächtigung. Es wurden keine Diplome verliehen, aber das vermittelte Wissen bereitete viele Teilnehmerinnen auf gesellschaftliches Engagement, journalistische Tätigkeiten oder spätere Studien im Ausland vor.
Die Vorträge wurden zum Teil von renommierten Professoren gehalten, teils von engagierten Akademikerinnen, die sich für eine gerechtere Gesellschaft einsetzten.
Ein Meilenstein auf dem langen Weg zur Bildungsgleichheit.
✿ Station 10: Rathaus / Wienbibliothek – Frauen in Politik & Dokumentation
- Rathausplatz 1, 1010 Wien – Zugang über Felderstraße oder Friedrich-Schmidt-Platz
- *Wienbibliothek im Rathaus* mit umfassenden Archiven zur Frauenbewegung
- Erste weibliche Mandatarinnen ab 1919 – etwa Amalie Seidel und Therese Schlesinger
- Dokumentationen zu Frauen im Gemeinderat, Widerstand, Bildung, Kultur
Das Wiener Rathaus ist nicht nur ein Ort politischer Macht, sondern auch der Ort, an dem *1919 erstmals Frauen politisch mitbestimmten*. Nach Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts zogen hier Pionierinnen wie *Amalie Seidel*, *Therese Schlesinger* oder *Anna Boschek* in den Gemeinderat ein.
Heute dokumentiert die *Wienbibliothek im Rathaus* in ihren Archiven und Ausstellungen die Geschichte der Frauenbewegung in Wien. Hier finden sich Nachlässe bedeutender Aktivistinnen, Protokolle frauenpolitischer Initiativen, Zeitschriften, Plakate, Reden.
Auch aktuelle Forschungen zu Frauen im Widerstand, zu jüdischen Intellektuellen, zu Künstlerinnen werden hier gesammelt und sichtbar gemacht.
Ein idealer Ort, um nach dem Spaziergang zu recherchieren – oder um die Frage weiterzutragen: *Welche Frauen fehlen noch im Stadtbild?*
✿ Station 11: Rosa-Mayreder-Park – Feministische Stimme & Namensgeberin
- Rosa-Mayreder-Park, 1010 Wien – beim Schottentor, neben der Universität
- Benannt nach *Rosa Mayreder* (1858–1938): Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Kulturkritikerin
- Kämpfte für Gleichberechtigung, Bildung und gegen patriarchale Denkstrukturen
- Der Park ist einer der wenigen öffentlichen Orte in Wien, der nach einer Frau benannt ist
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Rosa Mayreder war eine der wichtigsten feministischen Intellektuellen des Fin de Siècle in Wien. Sie engagierte sich für Frauenbildung, hinterfragte die Geschlechterrollen ihrer Zeit und publizierte Essays, Tagebücher und Reden zur Gleichstellung von Frauen.
Sie war Mitbegründerin des „Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins“, sprach sich früh gegen Doppelmoral, Zölibat, Militarismus und bürgerliche Frauenideale aus – und lehrte an der Volksuniversität.
Der 2002 benannte Park beim Schottentor ist ein seltenes Beispiel weiblicher Präsenz im öffentlichen Raum. Nur etwa 10 % aller Straßen und Plätze Wiens tragen Frauennamen – umso symbolischer ist dieser Ort als Schlusspunkt.
Ein Spaziergang durch die Wiener Frauengeschichte endet hier – aber der Weg zur Sichtbarkeit ist noch lange nicht zu Ende.