Die neugierigen Schwestern

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Sagen und Legenden
Die neugierigen Schwestern



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Wie der Teufel die neugierige Schwester bestrafte

Zur Zeit der Pest lebten in einem Haus nahe dem Allgemeinen Krankenhaus drei Schwestern. In der Umgebung erzählte man sich, der Teufel fahre jede Nacht um Mitternacht mit den Toten des Spitals hinaus zum Friedhof in Währing. Die Geschichte war so schaurig, dass die drei jungen Frauen der Versuchung nicht widerstehen konnten: Sie wollten selbst sehen, ob an dem Gerücht etwas wahr sei.

Als Mitternacht herankam, blieben sie wach. Da hörten sie plötzlich lautes Wagengerassel und den unaufhörlichen Knall einer Peitsche. Die Geräusche kamen näher und näher, bis die jüngste Schwester neugierig den Kopf zum Fenster hinausstreckte.

Unten auf der Straße rollte ein schwarzer Wagen vorbei, gezogen von sechs schwarzen Pferden. Auf dem Bock saß ein finsterer Kutscher, der mit seiner langen Peitsche heftig knallte. Als der Wagen am Haus vorüberfuhr, schlug der Teufel dem Mädchen mit solcher Gewalt ins Gesicht, dass sie auf der Stelle zu Stein erstarrte.

Noch lange, so erzählte man sich, sei dieser menschenähnliche Stein zu sehen gewesen – als Mahnung gegen eine Neugier, die zu weit ging. [1]

Ort: Gegend des Allgemeinen Krankenhauses; Fahrt zum Friedhof in Währing

Historischer Hintergrund

Pestzeiten hinterließen in Wien nicht nur Gräber und Erinnerungen, sondern auch zahlreiche unheimliche Erzählungen. Das Sterben in den Spitälern, die nächtlichen Totenfuhren und die Friedhöfe vor der Stadtmauer prägten die Vorstellungswelt der Menschen stark. Wo Krankheit und Tod allgegenwärtig waren, entstanden leicht Geschichten über dämonische Mächte und nächtliche Erscheinungen.

Die Sage von den neugierigen Schwestern verbindet mehrere typische Motive des Volksglaubens: die Angst vor dem Teufel, das unheimliche Geräusch einer nächtlichen Fahrt und die Warnung vor verbotener Neugier. Gerade in moralischen Erzählungen wird häufig gezeigt, dass der Mensch nicht alles sehen oder wissen soll. Wer die Grenze überschreitet, zieht Unheil auf sich.

Auch die Versteinerung ist ein bekanntes Sagenmotiv. Sie macht aus dem Vergehen ein sichtbares Zeichen: Der angebliche Steinrest wird zur bleibenden Mahnung. Ob ein solcher Stein tatsächlich gezeigt wurde oder nur Teil der Erzählung war, ist dabei weniger wichtig als die Botschaft selbst. Die Geschichte erklärt das Unerklärliche und verknüpft es mit einem konkreten Ort im alten Wien.


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Quellen

  1. Gustav Gugitz: Die Sagen und Legenden der Stadt Wien, Wien 1952, Nr. 24, S. 43