Die Wiener Schatzbeschwörung

Aus City ABC

Sagen und Legenden
Die Wiener Schatzbeschwörung



2., Leopoldstadt Augarten Schatzsage Magie Geisterbeschwörung Türkenzeit 18. Jahrhundert


Die Wiener Schatzbeschwörung im Augarten

Im Jahr 1723 verbreitete sich in Wien ein sonderbares Gerücht: Ein vornehmer französischer Gesandter am kaiserlichen Hof habe erfahren, dass in einem Garten außerhalb der Leopoldstadt ein Schatz verborgen liege. Angeblich stammte er noch aus der Zeit der ersten Türkenbelagerung und sei damals eilig vergraben worden.

Um den Schatz zu finden, zog der Minister gemeinsam mit zwei Ordensbrüdern und einem Meister der sogenannten „schwarzen und weißen Kunst“ hinaus in den Augarten. Offiziell wollten sie nur einen Spaziergang unternehmen, doch in Wahrheit bereiteten sie eine geheimnisvolle Zeremonie vor.

Zunächst suchten sie eine junge Haselstaude aus, aus der sie eine Wünschelrute schneiden wollten. Dazu verwendeten sie ein eigens angefertigtes Messer, das mit Kreuzen und astrologischen Zeichen versehen war. Die Staude wurde mit einer priesterlichen Stola geschmückt und mit geweihtem Öl bestrichen. In der Nacht schnitten sie die Rute unter geheimen Beschwörungsformeln ab.

Am Abend des Karsamstags kehrten sie mit ihren Geräten in den Garten zurück. In einem Kreis von zwölf geweihten Lichtern bereiteten sie ihre Beschwörung vor. Zwei der Männer trugen priesterliche Gewänder, die anderen weiße Hemden, die angeblich von einer zwölfjährigen Jungfrau genäht worden waren.

Sie begannen mit Gebeten – den sogenannten Staffelpsalmen und der Litanei der Heiligen – und warteten, bis die Mitternachtsschläge von St. Stephan erklangen. Dann zeichnete der Meister seinen Zauberkreis, und die Beschwörung des Geistes begann.

Lange geschah nichts. Erst bei der dritten und stärksten Beschwörung erhob sich plötzlich ein gewaltiger Sturm. Der Wind warf einige der Männer zu Boden und löschte alle Lichter. In der Dunkelheit sahen sie schließlich eine unheimliche Erscheinung: Ein Reiter mit blankem Schwert, angeblich in türkischer Kleidung, galoppierte an ihnen vorbei.

Der Sturm tobte weiter, bis alle Männer erschöpft und betäubt am Boden lagen. Erst im Morgengrauen kamen sie wieder zu sich. Der Schatz war nicht gefunden worden – und die ganze Unternehmung endete in Schrecken.

Der französische Minister wurde daraufhin schwer krank und zog sich für einige Zeit in das Kloster am Kahlenberg zurück. In Wien aber sprach man noch lange von der nächtlichen Schatzbeschwörung im Augarten.

Ort: Augarten / Leopoldstadt

Historischer Hintergrund

Schatzsagen gehören zu den ältesten und verbreitetsten Motiven der europäischen Volksüberlieferung. Besonders häufig wurden verborgene Reichtümer mit Zeiten von Krieg, Belagerung und Flucht verbunden. Auch in Wien erzählte man sich, dass während der Türkenbelagerungen Wertgegenstände hastig vergraben und später nie wieder gehoben worden seien. Solche Erzählungen hielten die Hoffnung lebendig, unter alten Gärten, Mauern oder Kellern könnten noch immer Schätze verborgen liegen.

Mit Schatzgeschichten verband sich oft der Glaube, dass solche Reichtümer nicht einfach ausgegraben werden konnten. Sie galten als „gebunden“ und mussten durch besondere Rituale, Segenssprüche oder Beschwörungen sichtbar gemacht werden. In der Volksvorstellung vermischten sich dabei christliche Elemente wie geweihte Kerzen, Psalmen und Litaneien mit magischen Praktiken wie Wünschelruten, Zauberkreisen und astrologischen Zeichen. Gerade diese Mischung aus Frömmigkeit und verbotener Kunst macht viele Schatzsagen so charakteristisch.

Die Wiener Überlieferung von der Schatzbeschwörung im Augarten spiegelt genau diese barocke Vorstellungswelt wider. Der Versuch, mit religiösen und magischen Mitteln zugleich einen verborgenen Schatz zu heben, endet nicht mit Erfolg, sondern mit Schrecken. Damit folgt die Sage einem bekannten Muster: Wer zu tief in das Verborgene eingreifen will, stößt auf unheimliche Mächte und wird für seinen Übermut bestraft.

Zugleich verweist die Geschichte auf die besondere Stellung des Augartens als geschichtsträchtigen Ort vor der Stadt. Aus einem realen Platz wird in der Überlieferung eine Bühne für nächtliche Rituale, Geistererscheinungen und die nie ganz verschwindende Hoffnung auf einen verborgenen Schatz.


Navigation

→ weiter zu Sage
← zurück zu Augarten

Quellen