Der nächtliche Totengesang

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Sagen und Legenden
Der nächtliche Totengesang



Diese Wiener Pestüberlieferung berichtet von einem unheimlichen Vorzeichen aus der Zeit der großen Seuche von 1679: Ein Mann will nachts über einem Feld klagende Stimmen gehört haben, die einen kirchlichen Totengesang anstimmten.

17., Hernals Pest Todesvorzeichen Geistererscheinung 17. Jahrhundert


Der Gesang der Toten von Hernals

Calvarienberg Fuhrmann Hernals.jpg

Calvarienberg, Fuhrmann

Noch bevor die große Pest von 1679 Wien heimsuchte, erzählte man sich von seltsamen Vorzeichen, die das kommende Unglück angekündigt hätten.

Die Hüter in den Weingärten rund um die Stadt berichteten, sie hätten im Herbst zuvor in der Nacht ungewöhnliche Erscheinungen über Wien gesehen. Am Himmel hätten sich seltsame Lichter gezeigt, manchmal ein heller Glanz, als öffne sich der Himmel selbst. Andere sprachen von unheimlichen Leuchterscheinungen und flackernden Irrlichtern über der Stadt.

So erzählte ein Mann, der später selbst an der Seuche erkrankte, von einem merkwürdigen Erlebnis.

Noch bevor die Krankheit ausgebrochen war, ging er eines Nachts im Mondschein von Hernals in Richtung Stadt. Als er über ein freies Feld kam, hörte er plötzlich in der Ferne einen seltsamen Gesang. Aus der Luft, so berichtete er, klangen viele klagende Stimmen, die deutlich das kirchliche Totenlied „Placebo Domino in regione vivorum“ anstimmten.

Der Mann blieb stehen und lauschte aufmerksam, um sicherzugehen, dass er sich nicht täusche. Doch der Gesang wiederholte sich mehrmals und war so deutlich zu hören, dass er nicht daran zweifeln konnte.

Erst später erhielt dieses Erlebnis eine unheimliche Bedeutung: Genau an jener Stelle, wo der geheimnisvolle Totengesang erklungen sein soll, wurde während der Pest eine große Totengrube angelegt. Dort begrub man zahlreiche Opfer der Seuche.[1]

Ort: Gegend zwischen Hernals und der Stadt Wien

Historischer Hintergrund

Die Pestepidemie von 1679 gehört zu den verheerendsten Katastrophen in der Geschichte Wiens. Innerhalb weniger Monate starben zehntausende Menschen. Um die große Zahl der Toten bewältigen zu können, mussten außerhalb der dicht besiedelten Stadt rasch neue Begräbnisstätten angelegt werden. Dabei entstanden sogenannte Pestgruben, in denen viele Verstorbene gemeinsam bestattet wurden.

In Zeiten solcher Not verbreiteten sich zahlreiche Geschichten über unheimliche Vorzeichen. Klagen in der Nacht, geheimnisvolle Lichter oder das Läuten unsichtbarer Glocken galten als Hinweise auf das kommende Sterben. Besonders der Gesang kirchlicher Totenliturgien wurde im Volksglauben mit dem Jenseits verbunden.

Das in der Sage erwähnte „Placebo Domino in regione vivorum“ ist ein Teil der lateinischen Totenliturgie. Der Psalmgesang gehörte zum traditionellen Begräbnisritus der Kirche. Dass man ihn in der Überlieferung als klagende Stimmen aus der Luft vernimmt, spiegelt die tiefe Angst der Menschen vor der nahenden Seuche und den Tod wider, der über der Stadt zu schweben schien. [2]


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Quellen

  1. Realis (Gerhard Cockelberghe-Duetzele): Geschichten, Sagen und Merkwürdigkeiten aus Wiens Vorzeit, Wien 1846, S. 199
  2. Gugitz Gustav, Die Sagen und Legenden der Stadt Wien, Wien 1952, S. 150 f.