Der ehrliche Postsparkassendiener

Aus City ABC

Sagen und Legenden
Der ehrliche Postsparkassendiener



Diese Wiener Erzählung spielt vor dem Postsparkassenamt und erzählt von einem kleinen Alltagsdrama, in dem Habgier und Redlichkeit unmittelbar aufeinandertreffen. Aus einem verlorenen Geldschein wird eine Moralerzählung über Ehrlichkeit inmitten der Großstadt.

1., Innere Stadt Postsparkasse Stadtlegende Moralische Warnsage Ehrlichkeit 20. Jahrhundert


Der ehrliche Diener der Postsparkasse

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Postsparkasse

Am 9. März 1903 ereignete sich in Wien ein Vorfall, von dem man noch lange erzählte. Ein junges Mädchen verließ das Postsparkassenamt, als ihm unbemerkt eine 100-Kronen-Note aus der Tasche auf die Straße fiel.

Ein junger Mann, der gerade vorbeikam, bemerkte den Geldschein, hob ihn blitzschnell auf und wollte sich damit davonmachen. Doch er war nicht der Einzige, der alles gesehen hatte. Zwei weitere Augenzeugen hatten den Vorfall beobachtet – der eine war ebenso wenig ehrlich wie der Finder, der andere dagegen ein redlicher Mann.

Der unredliche Zeuge lief dem Finder nach und verlangte seinen Anteil. Nach einigem Zögern ließ sich dieser darauf ein. Beide gingen daraufhin in eine Tabaktrafik, um den Geldschein wechseln und unter sich aufteilen zu können.

Unbemerkt war ihnen jedoch der dritte Beobachter gefolgt: ein Diener der Postsparkasse. Er hatte den ganzen Vorgang aufmerksam aus der Entfernung verfolgt. Als die beiden Männer in die Trafik eintraten, holte er rasch einen Polizisten und berichtete, was geschehen war.

Der Polizist stellte sich vor den Laden. Als die beiden Männer nach der Teilung des Geldes wieder herauskamen, wurden sie sogleich festgenommen. So blieb in der Erinnerung nicht der Diebstahl, sondern die Ehrlichkeit des Postsparkassendieners das eigentliche Beispiel dieser Geschichte.

Ort: Postsparkassenamt / Wien

Historischer Hintergrund

Solche kurzen Stadterzählungen stehen an der Grenze zwischen Sage, Anekdote und moralischem Exempel. Anders als ältere Wiener Sagen mit Geistern, Wundern oder Teufelserscheinungen spielen sie nicht in einer halbmythischen Vergangenheit, sondern im modernen Alltag der Großstadt. Gerade dadurch wirkten sie besonders einprägsam: Sie zeigten, dass sich Tugend und Laster nicht nur in alten Legenden, sondern mitten auf der Straße begegnen konnten.

Um 1900 war Wien eine wachsende Metropole mit dichtem Straßenleben, modernen Behörden, Banken und Verkehrsmitteln. Das Postsparkassenamt stand dabei für Ordnung, Verlässlichkeit und das neue städtische Wirtschaftsleben. Eine Geschichte, die gerade hier von verlorenem Geld, Diebstahl und ehrlichem Eingreifen erzählt, verbindet den modernen Ort mit einer klaren moralischen Botschaft.

Der „ehrliche Postsparkassendiener“ gehört damit zu jenen Wiener Überlieferungen, in denen nicht das Übernatürliche im Mittelpunkt steht, sondern das vorbildliche Verhalten eines einzelnen Menschen. Die Erzählung will weniger ein rätselhaftes Geschehen erklären als vielmehr zeigen, dass Redlichkeit auch in der anonymen Großstadt möglich und wirksam ist.

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Quellen