Stephansdom: Das Wandbild Albrecht Dürers

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Stephansdom
Das Wandbild Albrecht Dürers


Stephansdom: Wandbild Albrecht Dürers
Das Wandbild in der Vorhalle des Bischofstores

Das sogenannte Wandbild Albrecht Dürers befindet sich in der Vorhalle des Bischofstores an der Nordseite des Stephansdoms. Es handelt sich um eine großformatige Wandmalerei in der Form eines an die Wand gemalten Flügelaltars aus dem frühen 16. Jahrhundert.

Die Bezeichnung der Seite ist bewusst zugespitzt: In der Forschung wird vor allem die Unterzeichnung der Seitenflügel mit Albrecht Dürer in Verbindung gebracht. Diese Zuschreibung ist prominent vertreten, aber nicht völlig unumstritten. Gerade deshalb zählt das Wandbild heute zu den spannendsten und meistdiskutierten Kunstwerken des Stephansdoms.[1]

Datierung: frühes 16. Jahrhundert, Unterzeichnung wohl um 1512
Ort: Vorhalle des Bischofstores, Nordseite des Stephansdoms
Typ: Wandmalerei in der Form eines gemalten Flügelaltars
Bildprogramm: Flügel mit den heiligen Katharina und Margareta; dynastisch-habsburgischer Zusammenhang
Zuschreibung: Unterzeichnung der Seitenflügel in der Forschung mit Albrecht Dürer verbunden
Forschungsstand: seit 2019 intensiv untersucht, restauriert und neu diskutiert

Geschichte

Das Wandbild befindet sich in der Vorhalle des gotischen Bischofstores an der Nordseite des Stephansdoms. Sichtbar ist dort eine großformatige Wandmalerei, die die Illusion eines Flügelaltars erzeugt. Die Flügel zeigen die heiligen Katharina und Margareta; zugleich deutet das Programm auf einen größeren dynastischen Zusammenhang hin, der mit dem Haus Österreich und dem Stephansdom als Repräsentationsort verbunden ist.[2][3][4]

Nach der in der neueren Forschung vertretenen Deutung steht das Wandbild im Zusammenhang mit der Entfernung des mehrfach datierten Epitaphs von Hans Rechwein und Margareta Zopf. An seine Stelle könnte ein Programm getreten sein, das den heiligen Leopold und das Haus Österreich verherrlichte. Damit wäre die Vorhalle des Bischofstores als ein besonders aufgeladener Ort zwischen Frömmigkeit, Memoria und dynastischer Repräsentation zu verstehen.

Besonders plausibel erscheint dieser Zusammenhang vor dem Hintergrund der politischen Großereignisse der Zeit. Im frühen 16. Jahrhundert gewann der Stephansdom als Bühne habsburgischer Selbstdarstellung weiter an Bedeutung. Gerade die Jahre vor der Wiener Doppelhochzeit von 1515 boten dafür einen starken historischen Rahmen.[5][6]

Bildprogramm

Das Wandbild ist als gemalter Flügelaltar konzipiert. An den Seitenflügeln erscheinen die heiligen Katharina und Margareta. Gerade diese beiden weiblichen Heiligen stehen im Zentrum der Zuschreibungsfrage, weil sich an ihren Gesichtern, Händen, Locken und Konturen besonders viele stilistische Vergleiche ansetzen lassen.[7][8]

Das Programm war offenbar nicht bloß dekorativ gedacht. Wappenmotive wie der Doppeladler und der Bindenschild verweisen auf einen habsburgischen Zusammenhang. Nach der jüngeren Interpretation dürfte die Vorhalle bewusst als Ort dynastischer Propaganda ausgestaltet worden sein. Dazu passt auch, dass hier Rudolf IV. mit Inschrift und Statue präsent war und mit dem Kolomanistein ein weiterer bedeutender Erinnerungsort bestand.[9][10]

Gerade diese Verbindung von gemalter Altarillusion, Heiligenbild und politischem Zeichenprogramm macht das Werk so ungewöhnlich. Es ist nicht einfach ein Fresko, sondern ein komplexes Bildgefüge im Übergangsraum zwischen Außen und Innen, zwischen Torhalle, Gedächtnisort und herrschaftlicher Bildsprache.

Die Zuschreibung an Albrecht Dürer

Die moderne Diskussion kreist vor allem um die Frage, ob die Unterzeichnung der Seitenflügel eigenhändig von Albrecht Dürer stammt. Erwin Pokorny hat diese Zuschreibung in mehreren Beiträgen vertreten und betont, dass seine seit 2019 gesammelten Beobachtungen zu dem Ergebnis führten, dass nichts gegen, aber vieles für den Nürnberger Meister spreche. Besonders hervorgehoben werden die stilistische Nähe der beiden Heiligen zu anderen Werken Dürers sowie der Pinselduktus der Unterzeichnung.

Pokorny verweist dabei auf zahlreiche Einzelmerkmale: die langgliedrigen Finger, die charakteristische Zeichnung der Oberlippe, die Behandlung von Augen, Nasen, Ohren und Locken sowie die schnelle, teils kalligraphische Führung des Pinsels. Gerade diese Mischung aus Präzision und skizzenhafter Freiheit wird als typisch für Dürer gedeutet.

Gleichzeitig bleibt die Zuschreibung umstritten. Kritische Stimmen verweisen vor allem darauf, dass es keine direkte Quelle für einen Aufenthalt Dürers in Wien gibt. Genau diesen Einwand versucht Pokorny zu entkräften, indem er darauf hinweist, wie lückenhaft die Überlieferung auch für andere Aufenthalte Dürers ist. Für ihn spricht daher nicht die schriftliche Dokumentation, sondern die Summe der stilistischen und technischen Indizien.

Wichtig ist dabei: Selbst in der dürernahe Argumentation wird nicht einfach das ganze sichtbare Wandbild pauschal Dürer zugeschrieben. Die Diskussion betrifft vor allem die Unterzeichnung, also die zeichnerische Anlage unter der sichtbaren Malerei. Gerade diese Differenz sollte bei der Beschreibung des Objekts immer mitgedacht werden.[11][12]

Datierung und historischer Kontext

Nach Pokorny lässt sich die Unterzeichnung aufgrund stilistischer Kriterien und der Zusammenhänge mit dem datierten Rechwein-Epitaph am ehesten um 1512 ansetzen. Diese Datierung ist auch deshalb spannend, weil Dürer damals im Umfeld Kaiser Maximilians I. an großen Projekten wie Ehrenpforte und Triumphwagen arbeitete.

In diesem Zusammenhang spielt auch Johannes Stabius eine wichtige Rolle. Er war Humanist, Historiograph Kaiser Maximilians, lehrte an der Wiener Universität und besaß als Geistlicher am Stephansdom reiche Pfründen. In der Forschung wurde deshalb vermutet, dass gerade er als Verbindungsglied zwischen Dürer, dem Wiener Umfeld und dem dynastischen Bildprogramm des Bischofstores in Frage kommen könnte.

Auch eine Anekdote aus Joachim von Sandrarts Dürer-Biographie wurde durch die Neuentdeckung neu gelesen. Dort heißt es, Kaiser Maximilian habe Dürer aufgetragen, ihm etwas Großes auf die Mauer abzuzeichnen. Ob das historisch wirklich auf das Stephansdom-Wandbild bezogen werden darf, ist offen; als Denkfigur hat die Erzählung durch den Wiener Befund aber neue Plausibilität gewonnen.[13][14]

Wiederentdeckung und heutiger Forschungsstand

Das Wandbild wurde im Zuge neuer Untersuchungen gereinigt, dokumentiert und wissenschaftlich erschlossen. Dabei zeigte sich, dass die Unterzeichnung der Seitenflügel von außergewöhnlicher Qualität ist. Gerade die Reinigung machte die zeichnerischen Strukturen unter der Malschicht deutlicher sichtbar und gab der Diskussion um die Zuschreibung neuen Schub.<

Zur Erhaltung und Erforschung wurde gemeinsam von Bundesdenkmalamt und Dombauhütte St. Stephan ein Konservierungs- und Forschungsprojekt durchgeführt. Die Ergebnisse wurden nicht nur auf einer wissenschaftlichen Tagung 2019 diskutiert, sondern auch 2021/22 in einem größeren Forschungskontext publiziert und in Nürnberg in der Ausstellung AlbrECHT DÜRER? Das rätselhafte Meisterwerk im Wiener Stephansdom präsentiert.

Heute ist das Wandbild daher nicht nur ein Objekt im Dom, sondern auch ein Forschungsfall. Es bündelt Fragen nach Werkprozess, Unterzeichnung, Künstlerhand, Hofkunst, humanistischem Netzwerk und Wiener Erinnerungskultur an einem einzigen Ort.

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Quellen