Sagen und Legenden
Der schwarze Wagen
Wien
Volksglaube
Kinderschreck
Teufel
19. Jahrhundert
Der „schwarze Wagen“ gehört zu den unheimlichen Nachtgeschichten, mit denen man in Wien noch vor rund hundert Jahren Kinder erschreckte. Das geheimnisvolle Fuhrwerk soll tief in der Nacht durch die Straßen gerast sein – gelenkt vom Teufel selbst.
Kutsche
Noch vor etwa hundert Jahren erzählte man sich in Wien von einem unheimlichen Fuhrwerk, das in tiefster Nacht durch die Straßen jagte: dem „schwarzen Wagen“.
Nicht zur Mitternacht, wenn gewöhnlich die Gespenster umgehen sollten, sondern erst lange danach – zu jener Stunde, in der alles schläft und die Stadt in völliger Stille liegt – begann es plötzlich über das Granitpflaster zu rasseln. Aus der Ferne hörte man ein gewaltiges Rollen, das immer näher kam. Das Brausen hallte zwischen den Häusern wider, die Mauern bebten, und die Fensterscheiben klirrten.
Wer davon im Schlaf geweckt wurde, verspürte unwillkürlich den Wunsch, zum Fenster zu gehen und nachzusehen, wer zu so später Stunde durch die Straßen raste. Besonders Kinder waren von solcher Neugier gepackt.
Doch sie wagten es nicht. Denn man hatte ihnen eingeschärft, niemals zum Fenster zu laufen, wenn der schwarze Wagen vorbeifuhr.
Auf diesem Wagen, so erzählte man, sitze niemand anderer als der leibhafte Teufel selbst. Und wer aus Neugier aus dem Fenster schaue, dem drohe eine furchtbare Strafe. Der Satan würde ihm eine Ohrfeige versetzen, so hart, dass die fünf Finger des Bösen ein Leben lang auf der Wange eingebrannt blieben. Manchen, so hieß es, sei sogar noch Schlimmeres widerfahren: Ihr Kopf sei verrenkt oder ihnen ganz vom Körper gerissen worden.
Darum hüllten sich die Kinder nur noch fester in ihre Decken, wenn das Rasseln durch die nächtlichen Gassen hallte, und hofften, den schwarzen Wagen möglichst rasch vorbeiziehen zu hören.[1]
Ort: Wien
Historischer Hintergrund
Geschichten vom „schwarzen Wagen“ gehören zu den sogenannten Kinderschreck- oder Nachtgeschichten des Volksglaubens. Sie dienten häufig dazu, Kinder davon abzuhalten, nachts aufzustehen oder aus dem Fenster zu schauen. Solche Erzählungen finden sich in vielen europäischen Städten.
In Wien verband man die Geschichte mit dem Bild eines geheimnisvollen Wagens, der durch die nächtlichen Straßen rast und von übernatürlichen Kräften gelenkt wird. Besonders das Geräusch von Wagenrädern auf dem alten Steinpflaster konnte in stillen Nächten sehr weit getragen werden und regte die Fantasie der Menschen an.
Der schwarze Wagen ist daher weniger eine Geistererscheinung im engeren Sinn als vielmehr eine typische Volkserzählung, die Angst, Moral und kindliche Neugier miteinander verbindet.
Quellen
- ↑ Gustav Gugitz: Die Sagen und Legenden der Stadt Wien, herausgegeben von Gustav Gugitz, Wien 1952, Nr. 53, S. 73f, Sagen.at