Christmette

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Rituale und Brauchtum
Christmette
Brauchtum in Wien

Die Christmette war in Wien über Jahrhunderte der eigentliche Höhepunkt des Heiligen Abends. Lange bevor Christbaum und Bescherung selbstverständlich wurden, zog man in der Nacht zur Geburt Christi in die Kirche – begleitet von Musik, Krippen, Volksglauben und mancherlei nächtlichen Vergnügungen.

Weihnachten Liturgie Rauhnächte Volksglaube


Höhepunkt des Heiligen Abends

Brauch: (Mitter)nächtlicher Kirchgang

Gang zur Mette

Gang zur Christmette, Postkarte

Die Christmette ist auf Wiener Boden einer der ältesten und beständigsten Weihnachtsbräuche. Sie gilt als letzter Rest der frühchristlichen Nachtandachten, die in Zeiten der Christenverfolgung entstanden waren, und hat sich – wie in anderen katholischen Ländern – auch in Wien erhalten.[1]

Zu einer Zeit, da man weder Christbaum noch Bescherung kannte, war der Besuch der Christmette der eigentliche Höhepunkt des Heiligen Abends. Nach der nächtlichen Feier war es nicht ungewöhnlich, noch gemeinsam zu essen und die Nacht in geselliger Weise ausklingen zu lassen.[2]

Musik, Krippen und nächtliches Leben

Zur Wiener Christmette gehörten nicht nur Liturgie und Gebet. Sie war auch von italienisch beeinflussten Hirtenoratorien begleitet, und die Krippenspiele galten als marionettenmäßige und mechanische Ausläufer einer älteren Weihnachtskultur. Beide Erscheinungen wurden später von der Aufklärung heftig bekämpft, blieben aber lange im Volksleben verankert – die Christmette bis heute, die Krippenspiele bis ins ausgehende 19. Jahrhundert.[3][4]

Im 18. Jahrhundert wurde es üblich, dass in den Abendstunden auf den Gassen Buden aufgestellt wurden. Dort verkaufte man Krippen und Christkindchen, Nüsse und Äpfel, aber auch Hanswurste und andere kleine Waren. Rund um den Kirchgang entstand damit eine eigentümliche Mischung aus religiöser Feier, Jahrmarkt und winterlicher Nachtstimmung.[5]

Viele Menschen bereiteten sich zudem in Bier-, Kaffee- und Wirtshäusern auf die Christmette vor. In der feineren Gesellschaft traf man sich dagegen zu Hause zu Gespräch, Spiel und geselligem Zeitvertreib. Der Heilige Abend war damit in Wien nie nur still und andächtig, sondern auch ein sozialer und städtischer Festabend.[6]

Rauhnacht und Orakel

Die Christnacht gehört zu den Rauhnächten und war daher seit jeher auch mit Zukunftsdeutungen verbunden. Besonders beliebt waren Wachs- und Bleigießen, die später eher auf Silvester übergingen. Daneben gab es Lösselspiele und andere volkstümliche Praktiken wie Ofenlochschauen oder Schuhwerfen.

Hinter diesen Spielen stand häufig die Frage nach dem kommenden Jahr – und nicht selten nach einer bevorstehenden Heirat. Wenn die Spitze eines über die Schulter geworfenen Schuhs zur Tür zeigte, galt das als Zeichen, dass bald eine Hochzeit bevorstehen könnte. Solche Vorstellungen zeigen, wie stark sich in der Wiener Christnacht Liturgie und Volksglaube überlagerten.[7]

Aufklärung und josephinische Eingriffe

Gerade diese Mischung aus Frömmigkeit, Aberglauben und ausgelassener Nachtfreude wurde von Autoren der josephinischen Zeit heftig kritisiert. Besonders beanstandet wurden ausschweifende Vergnügungen rund um die Christmette, aber auch die in manchen Kirchen üblichen Marionettenvorstellungen zur Geburt Christi.[8]

Krippen waren während der Christmette ebenfalls präsent; für Am Hof ist dies etwa 1787 belegt. Unter Joseph II. kam es dann zu einem deutlichen Wandel. Ab 1785 unterblieb auch der so genannte Wolfssegen in der Christmette von St. Stephan – eine Erinnerung an die mittelalterliche Wolfsplage in der Umgebung Wiens.[9]

Von den Frühstunden zurück zur Mitternacht

Die Forderung nach einer Aufhebung der Christmette konnte sich zwar nicht durchsetzen, doch wurde die Feier 1805 in die Frühstunden des 25. Dezember verlegt. Damit wollte man die nächtlichen Ausschweifungen eindämmen, die man mit dem alten Mitternachtsbrauch verband.

Seit 1823 wird die Christmette in Wien wieder um Mitternacht abgehalten. 1848 wurde noch einmal versucht, sie abzuschaffen, doch auch dieser Vorstoß blieb erfolglos. Damit erwies sich die Christmette als widerstandsfähiger Brauch, der Reformen, Kritik und Modernisierung überdauerte.

Christmette heute

Bis heute gehört die Christmette zu den festen Bestandteilen des Wiener Weihnachtsfestes. Im Stephansdom wird sie weiterhin als Mitternachtsgottesdienst gefeiert; aktuelle Programme der Dompfarre nennen für den 24. Dezember ausdrücklich die Christmette um 24.00 Uhr. Was über Jahrhunderte als nächtlicher Höhepunkt des Festes galt, ist damit in Wien bis in die Gegenwart lebendig geblieben.[10][11]


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Quellen