Die Zeltburg des Sultans

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Sagen und Legenden
Die Zeltburg des Sultans



Diese osmanische Überlieferung erzählt nicht nur vom Abzug Sultan Süleymans vor Wien, sondern auch von der Entstehung eines prachtvollen Bauwerks. Das Schloss erscheint darin als steingewordenes Abbild der verlorenen Zeltburg des Sultans – als Erinnerung an Niederlage, Größe und fortdauernden Ruhm.

11., Simmering Türkenbelagerung Sultan Süleyman Schloss Neugebäude Osmanische Überlieferung


Die Legende

Wie aus Süleymans Prunkzelt ein Wiener Schloss geworden sein soll

Ort: das spätere Schloss Neugebäude im heutigen Simmering
Schloss Neugebäude

Im Jahr 1529 belagerte Sultan Süleyman Wien. Schon sei man in die Mauern eingebrochen, schon habe auf den Wällen der muslimische Gebetsruf erschallt, und selbst ein kühner tscherkessischer Kämpfer sei bis in die Mitte der Stadt vorgedrungen, ehe er dort gefallen sei.

Am nächsten Tag sollte der Hauptsturm erfolgen. Doch nach dem Willen Allahs brach plötzlich der Winter mit solcher Kälte und Gewalt herein, daß im Heer eine Verwirrung wie am Jüngsten Tag entstand. Auf Bitten der Krieger des Islams habe Sultan Süleyman daher die Belagerung abbrechen müssen. Um Geschütze und Feldgerät zu retten, ließ er sein Prunkzelt zurück.

Die Giauren, so erzählt die Sage weiter, brachen die zurückgelassene Zeltburg ab und brachten sie als Siegestrophäe in ihre Schatzkammer. An jener Stelle aber errichteten sie später ein großes und prächtiges Schloß, das in seinen Formen, Türmen, Räumen und Sälen ein getreues Abbild der einstigen Zeltburg des Sultans darstellen sollte.

Selbst das Privatgemach Sultan Süleymans, der Diwansaal, die Schatzkammer und andere Teile des osmanischen Zeltlagers seien darin nachgebildet worden. Der Bau galt in der Erzählung als Triumphmal der Christen, zugleich aber auch als ständige Erinnerung daran, wie weit der Sultan mit seiner Macht bis vor Wien vorgedrungen war.[1]

Historischer Hintergrund

Die Sage wurde mit dem heutigen Schloss Neugebäude in Wien-Simmering verbunden. Nach späterer Überlieferung stand dort während der ersten Türkenbelagerung von 1529 Süleymans Zeltstadt. Tatsächlich ließ Kaiser Maximilian II. dort ab 1568 ein repräsentatives Lustschloss mit großer Gartenanlage errichten.[2][3]

Gerade diese Verbindung von realem Bauwerk und osmanischer Erinnerung machte das Neugebäude zu einem idealen Ort für Legendenbildung. Schon früh wurde erzählt, das Schloß sei nicht bloß auf einem historischen Schauplatz errichtet worden, sondern sei selbst als steinerne Wiederholung des einstigen Sultanszeltes zu verstehen.[4][5]

Deutung

Die Erzählung verbindet mehrere Ebenen. Zunächst schildert sie den beinahe gelungenen Sturm auf Wien und den jähen Umschlag durch einen wunderbaren Wintereinbruch. Das ist der dramatische Kern der Sage: Nicht allein Waffen oder Mauern entscheiden, sondern ein Eingriff höherer Macht.

Dann deutet die Überlieferung das spätere Schloss als Denkmal des Geschehens. Das Bauwerk ist in dieser Vorstellung keine gewöhnliche Residenz, sondern ein sprechender Steinbau. Seine Form, seine Türme und seine innere Gliederung werden so gelesen, als bewahrten sie die Erinnerung an die verlorene Zeltburg des Sultans.* [6] [7]

Bemerkenswert ist auch der doppelte Blick der Sage. Für die Christen ist das Schloß ein Triumphmal, für die osmanische Erzählperspektive bleibt es zugleich ein Zeichen von Süleymans Größe. Selbst im Rückzug bleibt seine Macht so beeindruckend, daß die Gegner sie in Stein nachgebildet haben sollen.

Einordnung

Die Zeltburg des Sultans gehört zu den osmanischen Wien-Sagen, in denen die erste Türkenbelagerung nicht nur als Kriegsgeschehen, sondern als Ursprung späterer Zeichen im Stadtbild gedeutet wird. Die Legende erklärt damit ein konkretes Bauwerk durch ein Ereignis von welthistorischem Rang.


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Quellen