Apotheke "Zum goldenen Hirschen"
Apotheke Zum goldenen Hirschen – Geschichte und Bedeutung
Die Apotheke Zum goldenen Hirschen zählt zu den ältesten nachweisbaren Apotheken Wiens. Ihre Geschichte lässt sich lückenlos bis in das frühe 15. Jahrhundert, mit hoher Wahrscheinlichkeit jedoch bis um 1200, zurückverfolgen. Damit steht sie exemplarisch für die kontinuierliche medizinische Versorgung der Stadt vom Mittelalter bis in die Gegenwart.
Spätmittelalter: Familienbetrieb und Fachautorität
Der früheste namentlich bekannte Besitzer ist der Apotheker Hanns Hesel, der die Apotheke von 1410 bis zu seinem Tod 1422 führte. Seine Witwe Barbara Hesel setzte den Betrieb zunächst fort, unterstützt durch den Provisor Jorg Lemburger, der später ihr Schwiegersohn wurde. Lemburger leitete die Apotheke faktisch bereits ab 1422 und offiziell bis 1455.
Sein hohes fachliches Ansehen zeigt sich darin, dass er 1441 gemeinsam mit zwei weiteren Wiener Apothekern zu Beratungen der medizinischen Fakultät herangezogen wurde. Ziel war eine Reform des Apothekenwesens – ein früher Beleg für die Einbindung der Apotheker in medizinisch-institutionelle Entscheidungsprozesse.
15. Jahrhundert: Besitzfolgen durch Heirat
Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts wechselte die Apotheke mehrfach den Besitzer, häufig im Rahmen familiärer Verbindungen. Auffällig ist dabei die mehrfache Weitergabe über die Ehe mit derselben Frau, Ursula, die nacheinander mit vier Apothekern verheiratet war. Diese Phase verdeutlicht, wie stark Apotheken als wirtschaftliche und soziale Einheiten über Familienstrukturen gesichert wurden.
Frühe Neuzeit: Entstehung des „Goldenen Hirschen“
Ein entscheidender Einschnitt erfolgte im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts. Peter Schwab, der 1571 seine Apothekengerechtigkeit erhielt, betrieb die Apotheke im sogenannten Hirschenhaus am westlichen Ende des Grabens. 1584 wird erstmals ausdrücklich das Apothekenschild „Zum goldenen Hirschen“ genannt – der Name, der sich bis heute erhalten hat.
Ob das Haus der Apotheke oder die Apotheke dem Haus den Namen gab, lässt sich nicht mehr eindeutig klären. Sicher ist jedoch, dass sich hier erstmals Ort, Name und Betrieb dauerhaft verbanden.
17. Jahrhundert: Wissenschaft, Politik und Reformen
Im 17. Jahrhundert erreichte die Apotheke eine besondere Bedeutung. Unter Friedrich Müller von Löwenstein entwickelte sie sich zu einem wissenschaftlich orientierten Großbetrieb. Ein 1657 erstelltes Arzneiverzeichnis listet über 2.000 Präparate, gegliedert in galenische, chemische und einfache Arzneimittel – ein außergewöhnlicher Befund für eine städtische Apotheke.
Müller war nicht nur Apotheker, sondern auch Stadtrichter und Innerer Rat, Autor medizinischer Fachwerke und maßgeblich an der Professionalisierung des Apothekenwesens beteiligt.
1685–1762: Die Familie Greimoldt
Ab 1685 befand sich die Apotheke über mehrere Generationen im Besitz der Familie Greimoldt, einer der bedeutendsten Wiener Apothekerdynastien. Unter Ignaz Greimoldt und seinem Sohn Joseph Melchior Greimoldt blieb der Betrieb stabil, wirtschaftlich tragfähig und fachlich anerkannt. Diese Phase steht für Kontinuität und Konsolidierung.
19. Jahrhundert: Ortswechsel und Modernisierung
Ein markanter Einschnitt erfolgte 1840, als das Hirschenhaus abgebrochen wurde. Die Apotheke übersiedelte in das Große Michaelerhaus am Kohlmarkt 11, wo sie sich bis heute befindet. Der Standortwechsel fiel in eine Zeit tiefgreifender Reformen des Apothekenwesens, staatlicher Regulierung und zunehmender Industrialisierung der Pharmazie.
20. Jahrhundert bis Gegenwart
Im 20. Jahrhundert wurde die Apotheke vor allem durch die Familie Twerdy geprägt. Trotz wirtschaftlicher Krisen, politischer Umbrüche und zweier Weltkriege blieb der Betrieb bestehen. Noch um die Jahrtausendwende firmierte die Apotheke unter dem traditionsreichen Namen und stand damit für eine über 800-jährige Apothekengeschichte.
Kurzchronologie
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