Ballhausplatz 2

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Grund-Information
Bundeskanzleramt Ballhausplatz Wien 2007.jpg

Ballhausplatz 2

Aliasadressen =Ballhausplatz 2, =Löwelstraße 2-4, =Metastasiogasse 1-3, =Minoritenplatz 1-2, =Bruno-Kreisky-Gasse 2
Ehem. Konskriptionsnummer vor 1862: 19, 20, 40 | vor 1821: 26, 27, 49 | vor 1795: 11, 1363, 12
Baujahr 1683, Umbau: 1717-1721; Trakt Minoritenplatz: 1899
Architekt unbekannt, Umbau: Johann Lucas von Hildebrandt; Trakt Minoritenplatz: Franz Pokorny, Otto Hofer, Ludwig Zettl


Ehemalige Geheime Staats- und Hofkanzlei, Bundeskanzleramt - Architektur und Geschichte

1717 wurde am Areal der ehemaligen Meierei des Minoritenklosters auf Wunsch des Kaisers Karl VI. das Gebäude von Lukas von Hildebrandt entworfen und schrittweise erweitert, der letzte große Umbau erfolgte 1900, als die Reste des Minoritenklosters abgerissen wurden. Das Ziel des Kaisers war, ein Haus zu haben, das sich ausschließlich der Außenpolitik widmen sollte – dieser Trend bestand Anfang des 18. Jahrhunderts in ganz Europa. Das neue Gebäude erhielt bereits 1719 die Bezeichnung „Staatskanzlei“.

Die Barockfassade ist durch ionische Säulen gegliedert. Mitte des 19. Jahrhunderts verlief gleich neben dem Gebäude die Stadtmauer (die Löwenbastei). Es gab vom ersten Stock eine eiserne Verbindungsbrücke auf die Bastei, man konnte von hier direkt in das beliebte Paradeisgartl gelangen.

Finanziert wurde der Bau mittels der neu eingeführten Rindfleischsteuer.

Kaunitz und Metternich

Hier amtierte bereits unter Maria Theresia der Staatskanzler Kaunitz (in der "Geheimen Hofkanzlei" ab 1719). Zu der Zeit war das Gebäude noch nicht fertiggestellt, aber es trug schon die neue Bezeichnung „Staatskanzlei“.

In der Zeit, als Außenminister Metternich die Staatskanzlei führte, wurde das Amtshaus kurzerhand zum Wohngebäude umfunktioniert: im ersten Stockwerk arbeiteten die Beamten, im zweiten Stock repräsentierte und arbeitete Metternich, im dritten Stock wohnte seine ganze Familie. Im Erdgeschoß befand sich die fürstliche Küche mit einer Zuckerbäckerei, Stallungen und Wagenschuppen. Auch das Hauspersonal, wie die Kutscher, der Koch und die Hausknechte, wohnten hier. Später war hier der Vorsitz des gemeinsamen Ministerrats Osterreich-Ungarns.

1814/1815 fand unter der Leitung Metternichs (dem „Kutscher Europas“) hier der Wiener Kongress statt, es waren praktisch alle politischen Größen der Welt vertreten. Neben dem Versuch, nach der napoleonschen Verwüstung eine neue Ordnung in Europa herzustellen, feierte man aber auch („Der Kongress tanzt“).

Am 10. September 1944 wurde der rechte Flügel des Bundeskanzleramtes durch Fliegerbomben schwer getroffen und fast vollständig zerstört.

Innengestaltung

Die Legenden um den Kongress-Saal

Der Saal, in dem der Wiener Kongress stattgefunden hatte, ist nach diesem benannt worden. Um ihn rankt sich die Legende, dass fünf Staatsherren (Österreich, Russland, Frankreich, Preußen und Großbritannien) gleichzeitig durch fünf Türen getreten seien, um den Kongressakt zu unterzeichnen („Fünf Türen für fünf Herrscher“). Diese Legende kann nicht stimmen, da die Akte von Bevollmächtigten der Regenten unterschrieben wurde, und zwei der fünf Türen im Saal Blindtüren sind, hinter denen sich Abstellkammern befinden.

Und noch eine Besonderheit weist dieser Saal auf: die Decke ist mit unauffälligen verzierten Gitteröffnungen versehen, die für die Entlüftung der Kerzendämpfe sorgen sollten. Der Legende nach hat jedoch Metternich geheime Agenten im Dachboden darüber postiert, die so Beratungen belauschen konnten. Tatsächlich saßen jedoch offizielle Protokollierer im Saal.

Der Marmorecksalon

Der Raum wurde im zweiten Weltkrieg zerstört und durch den Architekten Oswald Haerdtl in rotem Marmor und goldenem Metall neu gestaltet. Im Zuge dessen hat er auch einen Gedenkstein für Engelbert Dollfuss eingelassen: Dieser wurde am 25.7.1934 in diesem Zimmer infolge eines nationalsozialistischen Putsches ermordet (mehr dazu unter: Der Juliputsch und die Ermordung von Dollfuß weiter unten).

Historisches Kanzlerzimmer

In diesem Zimmer hatte, nach dem Wiederaufbau durch Haerdtl, Leopold Figl gearbeitet. Auch Bruno Kreisky verbrachte von 1970 bis 1983 hier viel Zeit, mochte das Zimmer aber nicht. Er bezeichnete es als „Zigarrenkistl“, weil es so düster war (Haerdtl hatte übrigens auch Zigarettenpackungen für die Austria Tabak entworfen).

Heute ist der Raum kein Kanzlerbüro mehr, es wird nur mehr für Besprechungen genutzt.

Metternichzimmer

Das neue Kanzlerzimmer heißt erst seit dem Jahr 2000 "Metternichzimmer". Schon Metternich hatte diesen Raum für seine Amtsgeschäfte vorgezogen, weil der Blick in den Volksgarten von hier einzigartig ist.

Grauer Ecksalon

Auf der anderen Ecke des Gebäudes liegt der graue Ecksalon, der (da er nicht im Krieg beschädigt wurde) immer noch die Originale Ausstattung beinhaltet. Einst war hier das Speisezimmer, mittlerweile wird er nur für Besprechungen und Ehrungen genutzt.

Aus diesem Raum konnte man auf die gusseiserne Brücke ins Paradeisgartl (etwa an der Stelle, wo heute der Pavillon steht) gelangen, Metternich liebte es, dort zu frühstücken.

Über dem Hauptportal des Bundeskanzleramts findet sich eine lateinische Inschrift: PRAETORIVM
MAI[oris] SIGILLI ET RERVM CVM EXTERIS GEREND[arum]
MARIA THERESIA AVG[usta] IVBENTE
CVRA W[encelai] PRINCIPIS A KAVNITZ RITTBERG
RESTAVRATVM
MDCCLXVII

Was soviel bedeutet, wie: „Der Außenminister Maria Theresias Wenzel Fürst von Kaunitz-Rittberg ließ das Amt des Großsiegels und für äußere Angelegenheiten auf Befehl der Kaiserin renovieren.“

Der Juliputsch und die Ermordung von Dollfuß

An einem sonnigen Mittwoch im Juli 1934 schlichen Zivilisten in die Bundesturnhalle der Stiftskaserne in der Siebensterngasse. Jeder trug ein Paket oder eine Tasche mit Uniformen der Polizei oder des Bundesheeres. Die Zivilisten waren in Wahrheit Mitglieder der SS-Standarte 89, die aus arbeitslosen Burschen und gescheiterten Studenten entstanden war. Anführer des Trupps war der 24-jährige Fridolin Glass, der aus einer Offiziersfamilie stammte.

Chaos gleich zu Beginn

Die NS-Truppe hatte für diesen Tag mehrere Pläne geschmiedet: in Velden am Wörthersee sollte der urlaubmachende Bundespräsident Wilhelm Miklas gefangen genommen, in Wien sollte die gesamte Bundesregierung verhaftet und der Rundfunksender in der Johannesgasse sollte okkupiert werden. Nach all diesen Taten sollte der christlich-soziale Anton Rintelen die Macht übernehmen. Doch es kam alles etwas anders…

Bereits am 24. Juli sollten die Pläne umgesetzt werden, aber die Regierungssitzung wurde um einen Tag verschoben, Chaos bricht in der Truppe aus, sie informieren fieberhaft die Zentrale in München und organisieren um. Am 25.7. morgens ist es soweit, die drei Putschisten, die nach Velden fahren sollten, gehen zum Autoverleiher und benehmen sich dort so seltsam, dass der Autoverleiher die Polizei alarmiert. Zwei werden verhaftet, dem Dritten gelingt die Flucht.

Zeitgleich an diesem Morgen bereitet sich Engelbert Dollfuß auf den Ministerrat vor. Dollfuß hatte, nachdem Adolf Hitler am 30.1.1933 in Deutschland die Macht übernommen hatte, vorsorglich das Parlament ausgeschaltet, und ließ – nach einem Bombenanschlag der Nationalsozialisten - am 19.Juni 1933 die Nationalsozialistische Partei in Österreich verbieten.

Während sich 154 SS-Mitglieder mit ihren Uniformen verkleiden, erhält die Staatspolizei schon einen Hinweis auf eine mögliche Aktion. Um 12 Uhr flüstert Emil Fey, der Kanzleramtsminister dem Bundeskanzler ins Ohr, was vermutet wird. Dieser unterbricht die Tagung sofort, der Ministerrat löst sich auf, nur die Staatssekretäre Karwinsky und Zehner sowie Fey gehen mit dem Kanzler in dessen Büro.

Inzwischen ist es 12.45 Uhr. Die SS-Putschisten machen sich in acht LKWs auf den Weg in die Innenstadt. Zurück bleibt irrtümlich der LKW mit den Maschinengewehren und Maschinenpistolen – ebenso wie der Anführer Glass, der die Abfahrt verpasst hatte.

Angeführt wird der Konvoy durch ein Privatauto mit Franz Holzweber und Otto Planetta. Im Bundeskanzleramt werden gleichzeitig die Türen geschlossen, die Ehrenwache mit 34 Mann bewacht den Innenhof.

Als die LKWs mit den Uniformierten einlangen, werden für die rettende Unterstützung schnell die Tore geöffnet, die Wächter salutieren, verrammeln die Einfahrt und … werden sofort entwaffnet.

Die Stürmung der Ravag

Um 13 Uhr in der Johannesgasse wird das Studio der Ravag – der österreichischen Radioverkehrsanstalt – gestürmt. Einer der Putschisten brüllt ins Mikrofon: „Die Bundesregierung ist zurückgetreten, der Bundesminister Rintelen hat die Regierung übernommen! Wir senden Schallplatten“. Kurz vernehmen die Hörer den Tiroler Jägermarsch, Schüsse und dann Stille. Dadurch alarmiert stürmen Polizisten der nahen Wachstube Hegelgasse in das Studio, bei dem Handgemenge werden zwei Polizisten und ein SS-Anführer erschossen, 13 Aufrührer werden verhaftet.

Die Ermordung Dollfuß

Indessen bekommt Dollfuß die Unruhe im Hof des Bundeskanzleramtes mit und will flüchten. Er folgt dem Rat des Portiers, und läuft in Richtung einer eisernen Geheimtreppe zum Staatsarchiv, doch die Putschisten fangen die Flüchtigen im Marmorecksaal ab. Planetta behauptet später, er hätte im Gegenlicht drei Gestalten gesehen, eine hätte sich auf ihn zubewegt. Vor lauter Panik hätte er geschossen, Dollfuß wäre zusammengebrochen und hätte aus der Brust geblutet.

Der panische Planetta rennt zu Holzweber in den Ministerratssaal und gesteht diesem, dass er den Kanzler verletzt hätte, weil ihn dieser zuvor angesprungen sei. Die Suche nach einem arischen Arzt scheitert, nicht einmal ein jüdischer kann aufgetrieben werden. Um 15:45 stirbt Dollfuß an Blutverlust und aufsteigender Rückenmarkslähmung, die Putschisten werden überwältigt und verhaftet. In einem Schnellverfahren werden Planetta und Holzweber zum Tod verurteilt. Die Hinrichtung findet am 31. Juli im Wiener Landesgericht statt – Johann Lang, der Scharfrichter benutzt dazu den Würgegalgen. Die Leichen werden nicht an die Familien übergeben, sondern in der Feuerhalle Simmering eingeäschert.


Antifaschistische Gedenktafeln und Denkmäler

Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in Wien
Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in Wien.JPG

Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in Wien

Adresse Ballhausplatz 2
Schaffung / Enthüllung 24.10.2014 (durch Heinz Fischer enthüllt)
Künstler Olaf Nicolai


Das Mahnmal gedenkt der Deserteure, die im NS-Regime zum Tode verurteilt worden waren. Betroffen waren etwa 2000 Österreicher.

Das liegende X, das begehbar ist, steht für die Anonymisierung des Einzelnen. Der dreistufige Sockel wurde aus bläulichem Beton gegossen und enthält eine Inschrift, die nur lesbar ist, wenn man auf dem Monument steht oder von einem Fester nach unten sieht. Hier ist einmal das Wort "alone" (in der Mitte des Xes) und 32 Mal das Wort "all" zu lesen. Der deutsche Künstler Olaf Nicolai hatte sich für das Monument von einem Gedicht des schottischen Schriftstellers Ian Hamilton Finlay inspirieren lassen. [1], [2]

Die FPÖ protestiert gegen die Aufstellung des NS-Deserteursdenkmal, da sie Desserteure nicht als Verfolgte einreihten. [3]

Die Bundeskanzler, die hier ihren Sitz hatten

Als erster frei gewählter Bundeskanzler residierte Leopold Figl (ÖVP) in diesem Gebäude. Seither folgten ihm 10 weitere: Bundeskanzler der 2. Republik

  1. Karl RENNER (SDAP, SPÖ) 1945
  2. Leopold FIGL (ÖVP) 1945 - 1953
  3. Julius Raab (ÖVP) 1953 - 1961
  4. Alfons GORBACH (ÖVP) 1961 - 1964
  5. Josef KLAUS (ÖVP) 1964 - 1970
  6. Bruno KREISKY (SPÖ) 1970 - 1983
  7. Fred SINOWATZ (SPÖ) 1983 - 1986
  8. Franz VRANITZKY (SPÖ) 1986 - 1997
  9. Viktor KLIMA (SPÖ) 1997 - 2000
  10. Wolfgang SCHÜSSEL (ÖVP) 2000 - 2007
  11. Alfred GUSENBAUER (SPÖ) 2007 - 1.12.2008
  12. Werner Faymann (SPÖ) 2.12.2008 - 9.5.2016
  13. Christian Kern (SPÖ) 17.5.2016 - bis 2017
  14. Sebastian Kurz (ÖVP) 2017 - dato

Gegenüber dem heutigen Kanzleramt liegt der Lopoldinische Trakt der Hofburg, die Präsidentschaftskanzlei des Bundespräsidenten.

Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv, der Trakt des Gebäudes auf Seite des Minoritenplatzes

Zur Zeit Maximilians I. gab es in einem Teil der Hofburg finstere Räume, in denen wichtige Dokumente, Gold und Kleinodien aufbewahrt wurden, es war das „Schätzgewölbe“. 1652 übersiedelte das Archiv in einen näher gelegenen Teil der Hofburg, Maria Theresia schuf 1749 das „Geheime Hausarchiv“, das 1753 in den Reichskanzleitrakt übersiedelte.

Der Ruf nach einem eigenen Gebäude wurde aufgrund der Fülle an Geheimdokumenten immer lauter, und so beschloss man, ein eigenes Gebäude dafür zu errichten. Der letzte Teil des Minoritenklosters wurde abgerissen, an seiner Stelle entstand das neue „HHStA“ - das Haus-, Hof- und Staatsarchiv.

Das Archiv besteht heute aus 200 Archivkörpern, in denen etwa 70.000 Urkunden aufbewahrt werden.[4]



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Quellen