Veilchenlied

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Gedicht: Das Veilchenlied was ist hier zu finden
Veilchen.gif
Das Lied über das Veilchen berichtet vom Minnesänger Neidhart von Reuental (eigentlich: "Jammertal") und seinem Fund, der zu übelriechendem Unrat wird.



Original Hochdeutsch
Urlaub hab der winter

und auch der kalte snee!
Uns kumt ein sumer linder:
man siht anger unde klee
gar sumerlich bestellet.
Ir ritter und ir frauen,
ir sult auf des maien plan
den ersten veihel schauen,
der ist wunniglich getan.
Die zeit hat sich gesellet.
Ir sult den sumer grússen
und all sein ingesinde.
Er kann wol swere pússen
und fert da her so linde.
So will ich auf des maien plan
den ersten veihel suchen.
Gott geb, das es mir wol muß ergan!
der zeit soll wir gerúchen,
seit sie mir wol gefellet.

Leb wohl, Winter

und auch du, kalter Schnee!
Auf uns kommt ein angenehmer Sommer zu:
Man sieht Anger und Klee
in sommerlicher Pracht.
Ihr Ritter und ihr Damen,
Ihr sollt auf der Frühlingswiese
nach dem ersten Veilchen Ausschau halten;
das ist so schön. Die Jahreszeit
entspricht unseren Wunschvorstellungen:
Begrüßt den Sommer und seinen Hofstaat!
Er kann sehr gut Ausgleich für alles Leid schaffen
und stellt sich so angenehm ein.
Deshalb will ich auf der Frühlingswiese
das erste Veilchen suchen.
Gott gebe, dass ich Erfolg habe!
Wir sollen alle unsere Sinne auf die
beginnende Zeit des Sommers ausrichten,
da sie mir gut gefällt.

Do gieng ich hin und here,

unz daz ich fand das blúmelein.
Do vergaß ich aller swere
und begunde da gar frólich sein.
Wollaut begund ich singen.
Wann auf die selben blûmen
sturzt ich meinen hut,
das ich mich tórst rúmen,
wann es daucht mich so gut;
mir solt wol gelingen.
Das sah ein vilzgebauer hindert
mir in einem tal.
Es ward im sider zu sauer,
das er treib so reichen schal.
Ich waen, der ungelinke zucht auf
den meinen hut, und sein bruder Hinke.
Sor er darumb erleidt.
Do begund mich sorge zwingen.

Da lief ich hin und her,

bis ich das Blümlein fand.
Da vergaß ich alle meine Sorgen;
mir wurde überaus froh zumute.
Mit schöner Stimme begann ich zu singen.
Alsbald stülpte ich meinen Hut über diese
Blume, damit ich es wagen konnte,
mich meines Fundes zu rühmen, denn es
erschien mir so gut;
ich sollte damit Erfolg haben!
Das sah einer dieser lausigen
Bauern, hinter mir in einer Bodenvertiefung
Es sollte ihm später noch sauer werden,
dass er so ein Getöse machte.
Ich glaube, der Unglückselige, unterstützt von
seinem Bruder Hinke, hob meinen Hut auf.
Was er dann tat, sollte ihm noch leid tun.
Da kam das Unglück über mich.

Do gieng ich sunder tougen

auf die burg und redt also:
"Die rede ist on lougen,
ir solt alle wesen fro.
Ich han den sumer funden."
Die herzogin von Bayern,
furt ich an meiner handt,
mit pfeiffern, fidlern, flaiern.
Freud was uns wol bekannt
all zu den selben Stunden.
Do sprach ich zu der feinen:
"Kniet nider und hebt auf den hut.
Ir lat den summer scheinen,
wann das dunkt uns so gut."
Die minniglich, die reine,
die bot dar ir schneeweise handt,
die stúrzt den hut wolumbe.
sorg sie darunter fandt.
Mein freund, die was verswunden.

Ich ging direkt

auf die Burg und sagte:
"Wirklich, ich sage die Wahrheit.
Freut euch alle,
ich habe den Sommer gefunden."
Ich führte die bayrische Herzogin
an meiner Hand,
begleitet von Pfeifern, Fiedlern und
Flötenspielern. Wir freuten uns
alle gemeinsam in diesen Stunden.
Da sprach ich zu der Feinen:
"Kniet Euch hin und hebt den Hut auf.
Ihr lasst uns den Glanz des Sommers
sehen, denn das lieben wir alle!"
Die Liebliche, Reine,
hielt ihre schneeweiße Hand hin.
Sie drehte den Hut um
- und fand Sorge darunter.
Meine Freude war verflogen.

Do sprach die herzoginne:

"Neithart, das habt ir getan,
des ich mich wol versinne.
Die schmacheit muss mir nahet gan
und mag euch wol gereuen.
Bei allen meinen tagen
geschah mir nie so leidt.
das ich es torst gesagen,
zu freuden bin ich unbereit.
Mein leid, das will sich neuen."
So waffen úber mich tummen!
Ich wolt, das ich wer todt.
nu muß ich leiden kumer;
ich kam nie in grosser not.
Die wolgemuten munde
muß ich von schulden clagen,
das ich mich von in kunde.
das leid soll ich alleine tragen:
das habt auf meine treue!

Da sprach die Herzogin:

"Neithart, das habt Ihr getan,
das durchschaue ich ganz genau.
Diese Schande muss mir nahe gehen,
und Euch wird das noch leid tun.
Noch nie ward mir
ein solcher Schmerz zugefügt.
Dass ich es nur sage: ich habe keine Lust
mehr zu irgendwelchen Ausgelassenheiten.
Der Schmerz übermannt mich aufs neue."
Ach, ich Idiot!
Ich wünschte, ich wäre tot.
Nun muss ich Schmerz erdulden;
noch nie bin ich in größeres Unheil geraten.
Ich muss zu Recht
die frohgestimmten Lippen beklagen,
dass ich mich durch sie mitgeteilt habe.
Das Leid muss ich allein auf mich nehmen:
das dürft ihr mir glauben!

An einem lobentanze

gieng Irrenber und Irrenfrid
mit irem rosenkranze.
Roßwin, Goßwin und der schmid,
die wurden faste singen
und der junge Lanze,
und sein bruder Unzenger,
Frisper und Ranze.
Gevatter Platfuß, nu tritt her,
lat neue sporen klingen!
Ir waren zwen und dreissig,
die verlorn doch ir linkes bein.
Einer, der hiez Wissigk,
wie ser er úbern prúel grein:
"verflucht sei der summer,
den der Neithart erste fandt!
Nun múß wir leiden kummer;
so der veihel sei geschant!
Nu múg wir nimer springen."

An dem verabredeten Tanz

sprangen Irrenbar und Irrenfrid,
beide mit ihrem Rosenkranz.
Roßwin, Goßwin und der Schmid,
die haben laut gesungen,
und der junge Lanze,
sein Bruder Unzenger,
Frisper und Ranze.
Vetter Plattfuß, komm her,
lass deine neuen Sporen klingen!
Es waren zweiunddreißig,
die doch ihr linkes Bein einbüßten.
Einer, er nennt sich Wissigk,
wie laut er doch über den Hügel grölte:
"Verflucht sei das Sommerzeichen,
das der Neithart zuerst gefunden hat!
Nun müssen wir Schmerz erdulden.
Verflucht sei das Veilchen!
Nie mehr können wir nun tanzen."



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