Kategorie:Jüdisches Wien

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THEMA: JÜDISCHES WIEN was ist hier zu finden
Juden in Wien.jpg
Schon im Mittelalter waren Menschen mosaischen Glaubens fester Bestandteil der Wiener Gesellschaft. Viele Künstler und Gelehrte, aber auch Bankiers und Händler haben im Laufe der Jahrhunderte die Kultur Wiens mitgestaltet und -bestimmt.

Wie kein anderes Volk wurden jüdische Wiener über Jahrhunderte hinweg jedoch auch verfolgt, gemordet und vertrieben.

Teilweise mussten Juden in immer wieder neu entstehenden Ghettos wohnen, aber auch die Pracht der Ringstraße ist ihnen zu verdanken. Viele Straßen und Häuser sind daher eng mit jüdischen Schicksalen verbunden, sie sind hier vermerkt.


Mittelalter

Die ersten Juden dürften in Wien schon sehr früh gewohnt haben. Der erste schriftliche Vermerk findet sich, als 1196 der Jude Schlom, der erste Münzmeister des Herzogs, ermordet wurde. Er hatte mehrere Grundstücke in der Gegend der heutigen Seitenstettengasse besessen. 1204 ist hier auch eine Synagoge und eine Judenschule nachweisbar.

Das älteste Ghetto lag im Bereich des Berghofs. 1238 - unter Kaiser Friedrich II. - wurden Juden "Kammerknechte". Das bedeute, sie waren Besitz des römisch-deutschen Kaisers. Positiv daran war einzig, dass damit auch ein gewisser Schutz festgelegt worden war. Die Rechtsnormen, die eigens für Juden aufgestellt worden waren, und damit das Zusammenleben mit Christen regeln sollten, waren:

  1. Schutz von Leben und Eigentum,
  2. Freiheit der wirtschaftlichen Betätigung,
  3. Freiheit der Religionsausübung,
  4. Recht zur Beschäftigung christlichen Hauspersonals,
  5. Autonomie der Jüdischen Gemeinde in innerjüdischen Rechtsangelegenheiten
  6. Festlegung einer verbindlichen Verfahrensordnung für Streitigkeiten zwischen Juden und Christen.

Diesen Schutz ließen sich die Herrscher jedoch gut bezahlten. Zum Beispiel verlangte Kaiser Sigismund (1368–1437) im 15. Jahrhundert von jedem Juden ein Drittel seines Einkommens. Außerdem war die Rechtsfähigkeit der Juden eingeschränkt. Sie hatten beispielsweise kein Waffenrecht.

1267 wurde sogar - veranlasst durch die Kirche - eine Verordnung erlassen, dass jeder Jude einen spitzen, gehörnten Hut tragen müsse. Abbildungen davon finden sich häufig in Kirchen, wo der Judenhuttragende als Dämon dargestellt wird. Ein Musterbeispiel findet sich sogar am Portal des Stephansdoms.

Jude am Portal von St. Stephan [1]

Hier werden über dem Riesentor Szenen von Teufeln und Dämonen dargestellt, Drachen, Löwen, Fabelwesen stellten das Böse dar. Mitten unter ihnen: Ein Mann mit einem Hut, dessen Spitze abgebrochen ist. Im katholischen Glauben wurde der Jude also schon sehr früh als "Böse" hingestellt.

Im 13. Jahrhundert übersiedelte das Ghetto in den Bereich Schulhof - Judenplatz. Diese lebendige Stadt in der Stadt, mit eigenem Garten, einer Schule und einer Synagoge ging 1421 unter. Albrecht V. hatte die Stadt geplündert, die Menschen ermordet und das Eigentum konfisziert. Der erste jüdische Massenmord findet an der Weißgerberlände statt, an der Gänseweide werden mehr als 300 Juden verbrannt.

Neue Ansiedlung und Vertreibung

Danach hatte Juden lange Zeit Ansiedlungsverbot in Wien (bis 1624). Eine Niederlassung war nur mit einer Ausnahmegenehmigung möglich. Als diese Ausnahmen jedoch zu häufig wurden, erteilte Ferdinand II. am 6.12.1624 ein neues Privileg: Die Juden durften sich am Werd ansiedeln. Im heutigen 2. Bezirk entstand also das neue Ghetto.

Für den Zeitraum von 1421 bis 1624 wird beschrieben, dass Juden trotz des Ansiedlungsverbots in Wien ihr Leben aufgebaut hatten - allerdings "ohne alle Zeichen und Unterschied der Kleidung und Trachten unten den Christen gewohnet, aber Handel und Wandel getrieben, ... und zum Nachteil der Christlichen Religion allerlei böse, ärgerliche und lästerliche Taten und Handlungen verübet" hätten. Die interpretierte Benachteiligung führte dazu, dass aus der Hofburg mit 1. August des Jahres 1551 ein königliches Patent veröffentlicht wurde, demnach alle Juden ein Zeichen, "und zwar einen runden Fleck vom gelben Tuch gemacht, an dem Ober-Kleid auf der linken Brust, woran sie konnten erkennet werden" tragen mussten. [2] Der Vorläufer des späteren Judensterns war also geboren...

1584 gibt es in Wien schon einige "legale" Juden, sie sind "hofbefreit", müssen also keine Mauten oder Zölle zahlen.

1624 werden wieder alle Juden aus der Stadt vertrieben, sie müssen in ein Ghetto aus 14 Häusern am „unteren Werd“ einziehen. Im Laufe der Jahrzehnte wächst diese neue Judenstadt auf 132 Häuser an. Aus dieser Stadt werden die Juden 1670 von Kaiser Leopold I. vertrieben, er macht das Gebiet zur „Leopoldstadt“. Vorgeschoben werden religiöse Gründe, in Wahrheit dürften jedoch wirtschaftliche Interessen Auslöser gewesen sein.

Die Türkenbelagerung 1683 führte dazu, dass wieder ein Jude nach Wien berufen wurde. Es handelte sich um Samuel Oppenheimer, der den Krieg finanzstark unterstützte. Allmählich durften wieder jüdische Familien nach Wien, allerdings nur reiche, darunter die Familien Wertheimer und Schlesinger, sie erhalten das Privileg "Hoffaktoren". Um 1700 leben schließlich 10 jüdische Familien in Wien, sie alle sind „privilegiert“. Als die Kriege vorbei waren und der Staat schwer verschuldet, ging man dazu über, nur bestimmte Häuser an jüdische Familien zuzuweisen. (zB. am Bauernmarkt 9). Zwischen 1718 und 1736 schließt das Kaiserreich Friedensverträge mit dem Osmanischen Reich. Sie führen dazu, dass den sefardischen Juden, die Untertanen des Osmanischen Sultans sind, mehr Rechte eingeräumt werden müssen. Nun wurde ihnen Bildung und Handelsfreiheit eingeräumt.

Am 28.12.1723 verbot der Kaiser, dass Juden in Christenhäusern wohnen dürften. Wer sich dieser Weisung widersetzte, musste eine Strafe in der Höhe von 1000 Talern zahlen.

Schließlich trieb Maria Theresia die Verfolgung auf die Spitze, sie erließ (1753 und 1764) eine "Judenordnung": Juden mussten extrem hohe Beträge an das Kaiserhaus zahlen, um bleiben zu dürfen. Konnten sie nicht zahlen, wurden sie mit ihrer Familie aus der Stadt geworfen. [3]

Aufschwung

Eine Verbesserung der Situation kehrte erst unter der Herrschaft von Joseph II. ein. Er verfasste das Toleranzpatent für die Juden Wiens und Niederösterreichs, in dem er die Leibmaut-Zahlungen aufhob und Bildungsmöglichkeiten anbot. Das Verbot der Gründung einer eigenen Gemeinde blieb allerdings aufrecht. 1792 wurde ein eigenes "Judenamt" installiert, es solle sich mit der Aufsicht über die Juden befassen. Kurz danach wurde dieses Amt der Polizei-Oberdirektion unterstellt.

Durch die (Napoleonischen) Kriege Ende des 18. Jahrhunderts waren wieder einige jüdische Familien zu Reichtum gekommen - der Geldverleih hatte ihnen dazu verholfen. Die Forderung nach einer eigenen repräsentativen Synagoge und Emanzipation wurde daher lauter. 1812 gestattet Franz I. die Eröffnung eines Bethauses. Auch eine Schule darf in der „Dempfingergasse“ (heute Seitenstettengasse) eröffnet werden. Erstmals werden Juden in den Adelsstand erhoben, ihre Salons sind Zentrum des kulturellen Lebens. Beispiele sind Fanny von Arnstein und Cäcilie von Eskeles. 1825 wurde schließlich den Forderungen nachgegeben und der Stadttempel in der Seitenstettengasse, ein Werk von Joseph Kornhäusel, errichtet.

Trotz der scheinbaren Beruhigung um die fremde Religion war bis 1830 ein furchtbarer Brauch in Wien üblich: Die "Judenverbrennung vor dem Stephansdom". Am Karfreitag wurde um 5 Uhr morgens eine Strohpuppe auf den Stephansplatz gebracht, die dann öffentlich verbrannt wurde.

Es bestanden noch einige Beschränkungen, trotzdem verstärkte sich die Zuwanderung aus Ungarn und Böhmen massiv. 1848 engagieren sich zahlreiche jüdische Bürger als Aktivisten in der Revolution. Erst 1852 wurde das Judentum in Wien offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt. Das Volk stieg gesellschaftlich auf, es brachte nicht nur führende Bankiers-Familien hervor, sondern auch Künstler, Ärzte und vor allem Textilhändler. Juden wurden zu Förderern der Kunst und sozialer Einrichtungen. 1867 wurde das Staatsgrundgesetz geändert. Nun waren Juden mit allen anderen Österreichern gleichgesetzt, gleichzeitig verstärkte sich in Wien jedoch der Antisemitismus. Anfangs waren die Stimmen mit religiösen oder wirtschaftlichen Begründungen lauter (Bürgermeister Karl Lueger schürt mit antisemitischen Aussagen vor allem die Feindlichkeit unterer Bevölkerungsschichten gegen jüdische Mitbürger), rasch wandelte sich die Stimmung jedoch zu Rassismus.

1896 schreibt Theodor Herzl erstmals über seine Idee des „Judenstaates“. Er gilt damit als Begründer des politischen Zionismus. In dieser Zeit flachte der Antisemitismus etwas ab. Juden bewegten sich etwas freier in Wien, 1909 wurde der Sportverein „Hakoah“ gegründet. Neuerliche Rassismuswellen brechen mit dem ersten Weltkrieg aus, er löst eine Welle flüchtiger Juden aus den östlichen Kriegsgebieten aus, die sich in Wien ansiedelten. Als 1918 Deutschösterreich und 1919 die Erste Republik Österreich ausgerufen wird, leben 90 % der ehemals in der Monarchie verstreut lebenden Juden in Wien. 1919 wird in Wien das erste jüdische Privatrealgymnasium von Zwi Perez Chajes gegründet. Bis 1923 entwickelte sich das jüdische Leben, es wohnten 201.513 jüdische Menschen hier, ein Höchststand wurde damit erreicht. Dementsprechend tauchen immer mehr jüdische bekannte Namen auf, 1924/25 wird der jüdische Sportverein „Hakoah“ österreichischer Fußballmeister.

Ein jähes Ende fand der Aufschwung 1925, als in Wien der "XIV. Zionistische Weltkongress" stattfand. Wien reagiert mit Ausschreitungen und antisemitischen Demonstrationen. Als schließlich 1933 Adolf Hitler Deutschlands Reichskanzler wird, flüchten zahlreiche jüdische Deutsche nach Wien. Inzwischen hatte Engelbert Dollfuß eine austrofaschistische Regierung errichtet, er wird 1934 von Nationalsozialisten, die bisher in Wien verboten waren, ermordet (Ballhausplatz).

Holocaust

Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Wien 180.000 Juden. Mit Machtergreifung Hitlers und dem Deutschen Reich setzte die Vertreibung und schließlich der Massenmord ein. Etwa 60.000 Juden kamen in Konzentrationslager, etwa 120.000 konnten flüchten oder Unterschlupf in Wien finden.

1936 unterschrieb Österreich das „Juliabkommen“. Da damit die Nazis in Österreich amnestiert werden, steigt der Antisemitismus wieder sprunghaft an. Wieder begannen Verfolgungen von Juden, sie wurden vertrieben und ermordet. Am 12.3.1938 schließlich wanderten deutsche Truppen in Österreich ein. In dieser Nacht kam es zu ersten Raubzügen und Plünderungen jüdischer Wohnungen

Zwischen März und Juni 1938 kam es zu ersten Deportationen jüdischer Glaubensangehöriger in das KZ Dachau. Nach einem ersten Schock nimmt die Kultusgemeinde ihre Tätigkeit auf und ermöglicht offizielle Auswanderungen (unter Kontrolle von Adolf Eichmann). Ab dem Sommer 1938 wurden zahlreiche Verordnungen erlassen, die die Freiheiten der jüdischen Bewohner einschränkten. Juden durften nicht mehr in öffentliche Parks, mussten als Vornamen „Sara" und „Israel“ annehmen, und werden enteignet. Zahlreiche jüdische Häuser und Unternehmen wurden „arisiert“.

Schließlich kam es zu weiteren Unruhen, die durch die "Reichskristallnacht" einen schrecklichen Höhepunkt fanden: Am 7. November 1938 schoss der in Paris lebende siebzehnjährige polnische Jude Herschel Grynszpan in der Deutschen Botschaft auf den Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath. Dieser starb am 9. November an seinen Verletzungen. Das Attentat galt nun als Auftakt für die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November. In dieser Nacht stürmten Mitgliedern der SS, der SA und der Hitlerjugend jüdische Einrichtungen und Geschäfte. Die dabei entstandenen immensen Glasschäden führten zum zynischen Ausdruck "Reichskristallnacht". Die Wiener machten teilweise bei der Plünderung und Zerstörung mit, andere schauten aus Angst vor Verfolgung einfach weg. In dieser Nacht werden Juden geschlagen und gedemütigt, 27 werden getötet, weitere 80 schwer verletzt.

Mehr als 4.000 Geschäfte mussten zusperren. Rund 1950 jüdische Wohnungen wurden beschlagnahmt. Die Synagogen und Bethäuser, mit Ausnahme des Stadttempels in der Seitenstettengasse, wurden durch gelegte Feuer vernichtet.

In Wien werden mehr als 6.500 Juden festgenommen, die Hälfte davon ins Konzentrationslager Dachau verschickt. Bis Mai 1939 haben 100.000 Juden Wien verlassen. Im Oktober 1941 beginnen Massendeportationen. Mehr als 65.000 Juden wurden in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet. Nur 5.816 Juden erleben in Österreich die Befreiung.


1945 entstand eine neue Gemeinde, die seither wieder wächst und ein religiöses und kulturelles Leben führt. Derzeit hat die israelische Kultusgemeinde rund 8.000 Mitglieder.

Viel ausführlichere Information dazu bietet eine Broschüre der Stadt Wien, abrufbar unter diesem Link: https://www.wien.info/media/files/juedisches-wien.pdf [4]

Sehenswerte jüdische Stätten

Berühmte Juden, die einen Bezug zu Wien haben

Von den zahlreichen Künstlern, Denkern, Bankiers und Forschern wird hier nur eine Auswahl bedacht.

Große jüdische Persönlichkeiten Kurz-Erläuterung
Viktor Adler Organisator der Arbeiterbewegung während der Monarchie
Peter Altenberg Zu Lebzeiten unterschätzter Dichter, der sich im Hotel Graben einquartierte
Bankhaus Arnstein&Eskeles Finanzierung der Franzosenkriege von Kaiser Franz
Hugo Breitner Sozialdemokratischer Wiener Finanzpolitiker
Max Brod Entdecker von Franz Werfel, Nachlassverwalter von Franz Werfel und Publizist
Martin Buber Entdecker des Chassidismus
Elias Canetti Der bulgarische Literaturpreisnobelpreisträger
Sigmund Freud Erfinder der Psychoanalyse
Theodor Herzl Erfand den Judenstaat Israel
Karl Kraus Herausgeber der "Fackel", Dichter des Theaterstücks "Die letzten Tage der Menschheit"
Samuel Oppenheimer finanzierte die Türkenkriege von Leopold I. Oppenheimers Geschichte: Bauernmarkt 1
Max Perutz Der Chemiker, der nach Cambridge auswandern musste
Alfred Polgar Einer der bekanntesten Autoren der Wiener Modernen
Karl Popper der zum Sir erhobene Begründer des kritischen Rationalismus
Max Reinhardt österreichischer Theater- und Filmregisseur, Intendant, Theaterproduzent und Theatergründer
Joseph Roth Aus Galizien stammender österreichischer Dichter
Schlom Erster Jude Wiens und Münzmeister des Babenbergers Friedrich I., mehr dazu unter Seitenstettengasse
Arthur Schnitzler Großartiger Dramatiker und Arzt
Lew Dawidowitsch Bronstein alias Trotzki ließ in Wien seine revolutionären Gedanken reifen
Franz Werfel Dichter und Beststellerautor
Ludwig Wittgenstein Bedeutender österreichischer Philosoph und Architekt
Paul Zsolnay Verleger und Begründer des Paul Zsolnay Verlags
Stefan Zweig Wiener Schriftsteller, der in der NS-Zeit nach Brasilien auswanderte

Quellen

  1. P. Diem, Austriaforum
  2. Mathias Fuhrmann, Walter Obermaier: Alt- und Neues Wien, Band 2, Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft, 1739, Wien. S. 800
  3. https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Juden
  4. https://www.wien.info/media/files/juedisches-wien.pdf