Bauernmarkt 1

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Grund-Information
Bauernmarkt 1.jpg

Bauernmarkt 1, Zur Brieftaube

Aliasadressen =Bauernmarkt 1, =Freisingergasse 4
Ehem. Konskriptionsnummer vor 1862: 577 | vor 1821: 616 | vor 1795: 556
Baujahr spätes Mittelalter
Architekt unbekannt


Zur Brieftaube, Oppenheimer'sches Haus, auch Böhm'sches Stiftungshaus - Architektur und Geschichte

Haus 577, etwa um 1830, aus "Vasquez-Plan"

Das Haus, das nach dem ehemaligen Haus-Schild „Zur Brieftaube“ benannt ist, hat eine barocke Fassade. An der Fresingergasse ist ein gerahmtes Hochrelief zu sehen, dass die Verkündigung Mariens darstellt – es ist aus dem 18. Jahrhundert. Es ist das erste Denkmal Wiens, das sich auf die Pest bezieht und um Schutz gegen die Seuche bittet.

Der Keller ist noch von Vorgängerhäusern erhalten, er ist gotisch.

1927 wurde die Einfahrt des Hauses mit einem Geschäft verbaut (Bothe und Ehrmann), im Innenhof befinden sich teilweise verglaste Pawlatschengänge. Auch ist hier ein Hofbrunnen aus dem 17. Jahrhundert mit barocker Steinstatue zu sehen – der Heilige Johannes Nepomuk (die älteste Wiens, von 1694).

Vorgängerhäuser

Bereits 1372 wird das Haus urkundlich erstmals erwähnt, damals gehörte es dem Herren von Eslarn, der Kern des heutigen Hauses ist auch noch aus dem Mittelalter.

Von 1399 ist sogar dokumentiert, wie das Patrizierhaus ausgesehen hatte:

„Das ganze Anwesen war mit Ziegeln gedeckt. Durch eine Toreinfahrt kam man in einen großen Hof, in dem ein Brunnen stand. Weiters gab es ein Presshaus, zwei Pferdeställe, mehrere Vorratskammern, eine Kohlengrube (Aufbewahrungsort für Brennholz und Holzkohle) und einen Verschlag für Haushühner. Auf der Hofseite gab es ringsum laufende, gedeckte Holzgänge, in welche die verschiedenen Stiegen einmündeten. Darüber hinaus gab es große und kleine Keller sowie "Gruben", die man von der Ein-fahrt erreichen konnte. Ebenerdig lagen zwei "chaufgewelb" (Verkaufsgewölbe), darunter befand sich die Apotheke Bonfinis, zu der auch zwei finstere Nebengewölbe gehörten.

Unter der Stiege war ein großer Speisesaal mit zwei Kemenaten (heizbare Frauen- und Schlafgemächer) und einem Stübchen (Nebenraum) daran, außerdem gab es eine große Stube (gemeinsames, heizbares Hauptgemach und Empfangs-raum) mit einer anstoßenden Kammer (Aufbewahrungsraum für Wäsche und Kleidungsstücken). Im Hinterhaus zwischen Hof und Garten gab es ein kleines Stübchen unter den Vorratskammern, eine auf dem Gang stehende Kemenate und verschiedene Gemächer. Außerdem gab es im Hof und beim Speisesaal Aborte (priveten).“

Wohnhaus bekannter Persönlichkeiten

Wohn- und Sterbehaus des Hofarchitekten Pacassi

Nikolaus Pacassi (eigentlich Niccolo, * 5.3.1716 Wiener Neustadt † 11.11.1790 Stadt 536, "Zum goldenen Fassel", ebenhier), war als Hofarchitekt der Nachfolger von Jean Nicolas Jadot de Ville-Issey.

Sein größtes Werk war der Ausbau des Schlosses Schönbrunn im Auftrag von Maria Theresia (Gestaltung der Schlosskapelle, der Großen Galerie, der Kaiser-Appartements und anderer Innenräume). Einige Zeit lang wohnte er auch im Haus Jordangasse 7.[1]

Samuel Oppenheimer

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Jüdisches Wien
An der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert gehörte das Gebäude Samuel Oppenheimer (1630 - 1703), er hatte hier seine Kanzleien. Oppenheimer war „Hof-Jude“, Hofbankier von Kaiser Leopold dem I. und Finanzier sämtlicher Feldzüge von Prinz Eugen (er finanzierte die Türkenkriege). Er besaß eine riesige Bibliothek, deren Rest heute einen Teil der Bodleian Library in Oxford bildet.
Da Oppenheimer Jude war, ist er auch nicht im Grundbuch vermerkt – Juden sollten keinen Grundbesitz im 1. Bezirk haben (siehe auch: Hoher Markt 1, Nathan von Arnstein).
Oppenheimers zu 12 bis 20 % verzinsten Darlehen stellten den größten Posten unter den damaligen Schulden Österreichs dar. Sie sollen sich auf ca. sechs Millionen Gulden belaufen haben, die Oppenheimer größtenteils über Dritte refinanziert hatte.
Nach seinem Tode entledigte sich Österreich dieser Schulden, indem es sie nicht zurückzahlte, sondern vielmehr den Konkurs über seinen Nachlass verfügte.
Die kaiserliche Konkurserklärung stürzte alle mit Oppenheimer in Verbindung stehenden Geldgeber in eine schwere Krise, nachweislich auch die Frankfurter Börse.
Oppenheimer verkaufte das Haus im Jahr 1705, 1847 besaß es die Familie (Ritter von) Wertheimstein, 1872 kaufte es Maria Böhm, die es dem Wiener Bürgerspital vermachte – die Inschrift ist auf der Fassade noch vorhanden. Am 3.9.1938 verleibte sich die Stadt Wien mit der „Verordnung für die Einführung fürsorgerechtlicher Vorschriften im Land Österreich“ das Haus ein.

Alla Mora und die Rauchfangkehrer

Die Legende Alla Mora und die Rauchfangkehrer
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Am Morgen des 21.7.1700 spielten zwei Rauchfangkehrer (Italiener, wie damals die meisten dieser Zunft) saßen vor der Schenke „Zum Rauchfangkehrer“ und spielten „Alla Mora“.

Bei dem Spiel „Alla Mora“ versuchen zwei Spieler die Summe der Zahlen zu erraten, die sie mit den Fingern anzeigen. Dazu strecken beide Spieler ihre rechte Hand gleichzeitig aus, und zeigen einen bis fünf Finger an. Im selben Moment ruft jeder Spieler eine Zahl zwischen 2 und 10. Errät ein Spieler die Fingersumme, bekommt er einen Punkt. Erraten beide Spieler die Summe, wird kein Punkt vergeben. Es wird gespielt, bis ein Spieler eine vereinbarte Gesamtpunktzahl (oft 16 oder 21) erreicht hat.

Ein wichtiges Element des Spiels ist die Ansage der Zahlen. Diese erfolgt unter Umständen sehr laut, fast als wolle man den Gegner bedrohen oder einschüchtern.

Während dem Spiel stritten sie lautstark, sodass der Portier im Haus Oppenheimer, der sie beobachtete, zu lachen begann – wahrscheinlich verspottete er sie sogar. Die beiden Rauchfangkehrer wurden wütend und begannen mit ihm einen Streit. Es versammelten sich immer mehr Menschen vom nahem Markt – und schlugen sich auf die Seite der Italiener – im Allgemeinen wurde über Juden, vor allem aber reiche Juden, geschimpft. Erst bewarf die Bevölkerung das Haus mit Eiern, als keine mehr zur Verfügung standen, schaukelte sich der Tumult so auf, dass die Bürger das Tor des Oppenheimer Hauses stürmten und ins Haus eindrangen. Es wurde geplündert und Hausrat durch die Fenster auf die Straße geworfen, bis die Miliz einschritt. Viele Menschen wurden dabei verletzt. Oppenheimer und andere Bewohner mussten sich im Keller verstecken, um dem wütenden Mob zu entkommen. Erst auf Anweisung von Prinz Eugen schritt endlich die Stadtguardia ein, Prinz Eugen ließ Kanonen um das Haus aufstellen.

Noch in der gleichen Nacht wurden die Redelsführer, ein Rauchfangkehrer und ein Schmied. Verhaftet, und in einem Blitzprozess verurteilt – als abschreckendes Beispiel wurden sie morgens am Eingangstor des Hauses gehängt. Auch wurde der gegenüberliegenden Rauchfangkeller für einige Zeit gesperrt.

Auslösend für diese antisemitische Verfolgung war wahrscheinlich die Aufhebung der Judengarküchen durch Leopold I. (am 18.9.1700) – die Verordnung verbot Juden, die am Petersplatz wohnten, sich am Fenster zu zeigen, wenn katholische Prozessionen vorbeizogen.



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Quellen

  1. Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien in 6 Bänden, K&S/Orac, Wien, 2004, Bd. 4, S. 478