Seitenstettengasse 4

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Grund-Information
Stadttempel Vienna September 2006 013.jpg

Der Jüdische Stadttempel

Aliasadressen =Seitenstettengasse 4, =Fleischmarkt 1A
Ehem. Konskriptionsnummer vor 1862: 494 | vor 1821: 528 | vor 1795: 476
Baujahr 1826 / Umbau: 1894
Architekt Josef Kornhäusel / Umbau: Wilhelm Stiassny


Jüdischer Stadttempel - Architektur und Geschichte

Judenstern.jpg
Jüdisches Wien
Am 12.12.1825 wurde der Grundstein zu dem Tempelbau gelegt. Kornhäusel passte den prunkvoll ausgestatteten Bau in einen Wohnblock ein, da den josephinischen Bauvorschriften gemäß nur katholische Gotteshäuser direkt an Straßen stehen durften. Diese Bauweise rettete allerdings die Synagoge in der Reichskristallnacht (November 1938) vor der Zerstörung durch die Nazis. Das Edikt von Joseph II. schrieb außerdem vor, dass der Tempel keine eigene Glocke haben dürfe. In dem vorgelagerten Mietshaus befindet sich heute ein Teil der Israelitischen Kultusgemeinde.

Verschlüsselte Botschaft

Die Inschrift über dem Eingangstor

Über dem Tor ist eine hebräische Inschrift angebracht: "bo'u sche'araw betoda chatzerotaw bitehilla“, was so viel bedeutet wie: „Kommet zu seinen Toren mit Dank, zu seinen Vorhöfen [des Jerusalemer Tempels] mit Lobgesang!“. In der Schrift ist eine Zahlenbotschaft versteckt: Die Buchstaben des Wortes schearaw ergeben das Baujahr des Gebäudes:

schin/300 + ajin/70 + resch/200 + jod/10 + waw/6 = 586

Ergänzt man diese Zahl um eine gedachte 5000, ergibt sich das Jahr 5586, was nach dem jüdischen Kalender 1825/1826 bedeutet,

Der Anschlag 1981

Am 22. April 1979 explodierte im Hof der Synagoge ein halbes Kilogramm Plastiksprengstoff. Verletzt wurde niemand, aber alle Glasfenster zersplitterten und es entstand großer Sachschaden. Die Attentäter konnten völlig ungehindert in die Synagoge eindringen; in der Folge übernahm die palästinensische Extremistengruppe Adler der Revolution (As-Saika) dafür die Urheberschaft.

Am 29. August 1981 verübten zwei schwer bewaffnete Terroristen der palästinensischen Extremistengruppe Fatah Revolutionärer Rat einen Anschlag auf den Stadttempel mit zwei Toten und 21 teils Schwerverletzten. Die Attentäter, von denen einer bereits den Anschlag auf Heinz Nittel verübt hatte, drangen am Sabbat um 11:30 Uhr während des Gottesdienstes in die Synagoge ein, warfen Handgranaten und feuerten in die Menge. Zur Sicherung eingesetzte Polizisten sowie zwei private Wachposten wurden im Kugelhagel schwer verletzt. Einer der Attentäter wurde durch einen zufällig anwesenden Privatdetektiv angeschossen und konnte im Zuge der anschließenden Großfahndung in der Nähe festgenommen werden. Auch der zweite Terrorist wurde nach einer Verfolgungsjagd, während der er noch zwei Passanten getötet und Handgranaten auf einen Funkstreifenwagen geworfen hatte, gestellt.

Noch heute wird der Stadttempel, wie andere jüdische Einrichtungen in Wien, von der Polizei laufend beschützt.[1]

Das Innere des Tempels

Das Innere des Tempels

Der Tempel besteht aus einer ovalen Halle, die von zwölf ionischen Säulen umgeben ist. Unter der Kuppel befindet sich die Frauengalerie, der Gebetsraum im Parterre ist Männern vorbehalten. Die Synagoge bietet 700 Sitzplätze. An der Front steht ein Toraschrein, der von den Gesetztafeln umringt ist.

Gedenktafel jüdischer gefallener Soldaten

1934 wurde im Vorraum eine Gedenktafel an die gefallenen jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges angebracht.

Über dem Portal ist eine Danksagung an den Kaiser angebracht:

Bild Anlass/Persönlichkeit Text der Tafel
Stadttempel Vienna August 2006 011.jpg Stadttempel Ziehet ein

in seine Pforten mit Dank
Lobet, preiset Gott
Er erweckte das Gemüt des Gesalbten
Kaiser Franz I.
welcher
den Israeliten Wiens huldvoll bewilligte
zu weihen dieses Haus
dem Dienste Gottes
dem Unterrichte der Jugend
und frommen Werken
im Jahre XXXIV seiner glorreichen Regierung.

Tempelführungen

Der Tempel kann auch besichtigt werden, die Synagoge bietet Montag bis Donnerstag Führungen an. Jeweils um 11:30 und um 14:00 (außer an Feiertagen) kann man den Tempel nach Vorweis eines Lichtbildausweises betreten.[2]

Vorgängerhaus

Der Pempflingerhof

Der Pempflingerhof (auch Dempfingerhof oder Pämpflingerhof) war ein riesiges Haus, das bis auf die Grundfläche des heutigen Hauses Seitenstettengasse 6 reichte. Bis 1378 ist als Besitzer Andreas Hutstocker nachgewiesen, 1487 war er im Eigentum des Stadtrichters Kristof Pempflinger, nach dem der Hof auch künftig benannt wurde.

1555 kaufte den Hof Bonifaz Wolmuet, der den berühmten Wiener Stadtplan gemacht hatte, und ließ ihn umbauen, sodass zwei Häuser entstanden. 1589 ging das Haus in Besitz des Mathes Wolmuet über, der als "römisch kaiserliche Majestät Wassermautgegenhandler beim Rotenturm" erwähnt wird. Bei einem Erdbeben am 15.9.1590 stürzte das Haus zusammen, sodass es Wolmuet neu errichten musste. Dabei ließ er an der Fassade eine lateinische Inschrift anbringen.

Wohnhaus bekannter Persönlichkeiten

Wohn- und Sterbehaus des Oberrabbiners Adolf Jelinek

In dem Haus wohnte (und starb) der Orientalist und Oberrabbiner Adolf Jellinek (Aaron, * 26. Juni 1821 Drslawitz, † 28. Dezember 1893, ebenhier). Jellinek war hauptsächlich in Leipzig tätig, predigte aber zwischen 1864 und 1893 im Stadttempel nebenan. Er war der Begründer der Mädchen-Erziehungsanstalt „Israelitische Allianz".

Wohn- und Sterbehaus des Kantors Salomon Sulzer

Salomon Sulzer (eigentlich: Salomon Levi, * 18. (oder 30.) März 1804 Hohenems, Vorarlberg, † 17. Jänner 1890, ebenhier) war Oberkantor der benachbarten Synagoge. Er gilt als Begründer des modernen Synagogengesangs, indem er alte jüdische Melodien in Choräle verwandelte. Sulzer unterrichtete am Wiener Konservatorium Gesang, seine Freunde Schubert, Schumann, Liszt und Paganini komponierten für ihn Lieder.

Wohn- und Sterbehaus des Rabbiners Isak Noa Mannheimer

Der Mann, der bei der Grundsteinlegung des Wiener Stadttempels die Predigt abhielt, war Isak Noa Mannheimer (* 17. Oktober 1793 Kopenhagen, † 18. März 1865, ebenhier). Er reformierte den synagogalen Ritus und war auch Reichtagsabgeordneter.

Ausgrabungen

Adresse Ausgrabungscode zeitliche Lagerung Beschreibung der Fundstücke
Fleischmarkt 1A 198304 römisch 1983 wurde beim Umbau des Hauses ein gemauerter römischer Kanal von 9 m Länge und mit einer lichten Weite 0,60 bis 0,80 m freigelegt. Er war bis zu 2 m hoch und die Sohle war mit Dachziegeln der 13. Legion bedeckt.
Fleischmarkt 1A-3 197504 römisch/Mittelalter/Neuzeit Im Jahr 1975 wurden bei der Errichtung eines Lüftungsbauwerkes mittelalterliche und neuzeitliche Mauern, Gruben und Verfärbungen, teilweise mit römischen Funden, aufgedeckt.

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Quellen