Die Speckseite unter dem roten Turme in Wien

Aus City ABC
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gedicht: Die Speckseite unter dem roten Turme in Wien was ist hier zu finden
1609-Wien-col-Roter Turm alleine.jpg
Das heitere Gedicht Johann Nepomuk Vogl (* 7. Februar 1802 in Wien; † 16. November 1866 in Wien) erzählt die Legende von der Speckschwarte im Roten Turm.



Bevor sich Wien noch sah bedroht,
Von Pest und bitt'rer Hungersnot,
Die Stadt von einem Übel ward
Besucht, das ganz besond'rer Art.

Die Frauen nämlich, die sich gleich
Im Kapland wie in Österreich,
Und oftmals wider Fug und Recht
Den Mann erniedrigen zum Knecht,

Versuchten hier auch schlau und fein,
an sich zu zieh'n, nicht bloß zum Schein,
Das Regiment, das immerdar
Sonst nur dem Mann gegeben war.

Auch fügten sich, so wie bekannt,
Die Herren, die von je galant,
Dem Joche, ob's auch noch so schwer,
Aus Lieb' zum Frieden, immer mehr.

Allein dem weisen Rat der Stadt
Verdross gar sehr dies Priorat,
Drum suchte er zu steuern bald
Durch Spott der Frauen Widerhalt.

Ei sagt, was rennt, als gält' es Sturm,
Das Volk hinan zum roten Turm?
Was will der Herold an dem Ort,
Der Schöppe und die Knechte dort?

Schaut, eine Leiter wird empor
Errichtet unter jenem Tor,
Auf diese klettern voll Bedacht
Zwei Männer, mit gewicht'ger Fracht

S'ist eine ries'ge Seite Speck,
Die hängen, zu noch fremden Zweck,
Sie an des Bogens Wölbung auf,
Verwundert gafft die Menge drauf.

Da aber tritt der Herold vor
Und spricht: "Es ward hier unter'm Tor
Die Seite Speck für alle Welt
Nach Rats Befehl zur Schau gestellt."

"Dieweil demselben ist bekannt
Wie lang schon listig und gewandt
Die Frauen, wider ihr Geschlecht,
An sich gebracht der Männer Recht."

Drum mag der Mann, der noch zur Frist,
Der Herr im Haus geblieben ist,
Den Speck, in eigener Person,
Sich holen, als verdienten Lohn.

Wohl lachten, ob dem Possenspiel
Beim Roten Turm die Wiener viel,
Doch wagte keiner sich vom Fleck,
Herab zu holen sich den Speck.

Nicht lang jedoch erschien ein Mann
Alldort, gar stattlich angetan.
Mit schönem Wams, mit weißer Kraus,
Der sprach: "Ich bin der Herr im Haus".

Drum lehnt nur schnell die Leiter an,
Dass ich den Speck mir holen kann,
Wenn ihn ein Mann verdient in Wien,
Dann wisst, dass ich allein es bin.

Und seht, die Leiter an der Wand,
Erfasst er drauf mit kecker Hand
Und schwinget rasch die luft'ge Bahn
Von Spross zu Sprosse sich hinan.

Die Hälfte hat er schon erreicht,
Seht, wie er eilt, ha, wie er keucht,
Da hält er plötzlich still, und eilt
Zurück schon wieder unverweilt.

Was zögert er, der erst so keck,
Herabzuholen sich den Speck?
Schaut, Wams und Krause löst mit Hast
Vom Leibe sich der seltne Gast.

Da spricht der Schöppe: "Gebt Bescheid,
Warum tut Ihr herab das Kleid?"
"Mein Kleid?" - entgegnet ihm ganz scheu
Der Mann, "Ihr seht, es ist noch neu,"

Gar leicht bringt droben einen Fleck
Auf Wams und Krause mir der Speck,
Und drüber schwälte dann zu Haus
Mich wohl mein liebes Weibchen aus."

"Ha," lacht der Schöppe, "guter Mann,
Zieht Euren Wams nur wieder an,
Denn wenn es also wie Ihr sprecht,
Habt auf den Speck Ihr auch kein Recht."

Wohl machte da beschämt und schnell
Sich auf die Beine der Gesell
Und brachte, ach, statt seinem Lohn,
Nach Hause nichts, denn Spott und Hohn.

Der Speck jedoch hing an dem Ort
So lange bis er ganz verdorrt,
Nicht weiß ich, ob jetzt Einer käm',
Der früher ihn herunternähm'.



Gehe zurück zu Franz-Josefs-Kai 23