Die Linde zu St. Stephan

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Die Legende der Linde zu St. Stephan Relevante Orte: Wollzeile 2
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1144, als der Bau des Stephansdomes im Gange war, beschloss der Baumeister Falkner, dass anstelle eines Lindenbaumes, der hier stand, der Pfarrhof her gebaut werden müsse. Doch der Pfarrer namens Eberhard war über dieses Vorhaben entsetzt. Er flehte: "Lass mir meine liebe Linde stehen, sie ist genau so alt wie ich, und sie darf nicht vor mir sterben!"

Da der Baumeister ein Herz hatte, plante er den Bau der Dompfarre um, die Linde sollte künftig genau vor dem Fenster des Pfarrer stehen, damit er sie immer sehen könne. Und als der Bau fertig war, freute sich Eberhard tatsächlich jeden Morgen am Anblick seines Baumes. Morgens begrüßte er die Linde und die Vögel, die darin zwitscherten, abends wünschte er ihr sorgsam eine Gute Nacht.

Die Jahre gingen hin, der Baum gedieh prächtig, der Pfarrer jedoch wurde weiß und gebrechlich. Jede seiner Krankheiten wurde durch den Gesang der Vögel im Baum geheilt, Doch eines lauen Herbstabends, als er wieder einmal unter der Linde saß, schaute er in die schütter werdende Krone hinauf. Er dachte bei sich: "Diese Blätter sind die Tage meines Lebens. Sind sie alle vom Baum gefallen, dann werde ich tot sein." Am nächsten Morgen wachte er auf und fühlte sich elend. Doch der Anblick der Linde weckte in ihm den Wunsch, den Baum noch einmal in voller Blüte zu sehen, sein Lebenswillen, den Frühling noch einmal zu erleben, erwachte.

Doch ging es ihm jedem Tag schlechter. Er konnte nicht mehr alleine aufstehen, sein Diener musste die einfachsten Dinge für ihn erledigen. Eines Tages, an einem eisigen Wintermorgen, wusste Eberhard, dass sein letztes Stündlein bald kommen würde. Er bat er seinen Lakaien, noch einmal das Fenster zu öffnen, um den Lindenbaum ansehen zu können. Widerstrebend öffnete der Diener das Fenster und blieb erstarrt stehen: Der Lindenbaum stand in voller Blüte. Nach einem letzten Blick auf das Wunder sank Eberhard tot in sich zusammen. Ein Windhauch trieb die Blüten durchs Fenster, ein Blütenteppich bedeckte den Leichnam sanft.[1], [2]

Quellen

  1. Wiener Sagen, herausgegeben von der Wiener Pädagogischen Gesellschaft, Wien 1922, aus K. Linke, Der erzählende Geschichtsunterricht, Hamburg 1914, S.12
  2. Maria Pacolt,Sagen aus Alt-Wien, Wien, 1946, S. 19