Der Riesenfinger

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Gedicht: Der Riesenfinger was ist hier zu finden
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Das Gedicht über den "Riesenfinger", nämlich den Südturm des Stephansdoms, stammt von Johann Nepomuk Vogl (* 7. Februar 1802 in Wien; † 16. November 1866 in Wien).



Es ragt als Riesenfinger weit über Land und Au,
Ein stolzer Turm zum Himmel von eines Domes Bau,
Dem mit viel got'schen Schnörkel der Meister hat geschmückt,
Dass jeder nur mit Staunen zu seiner Höhe blickt.

Es rauschte manch Jahrhundert am ihm vorbei im Flug,
So Blitz als Feindesdonner ihm manche Wunden schlug,
Er sah manch grauses Schauspiel, man einen blut'gen Streit,
Er sah auch manche Feier in freudenvoller Zeit.

Es kroch zu seinen Füßen die Pest, voll gift'ger Wut,
Aus Dach und Giebel leckte nach ihm die rote Glut,
Den Hunger sah er schleichen um sich, hohläugig, fahl,
Doch oftmals auch vernahm er des Sieges Jubelschall.

Zu meist doch sah er nieder, auf ein beglücktes Land,
In dem das Korn in Fülle, der Weinstock blühend stand,
In dem die Herrscher waren mit Treue stets bedacht,
Zu pflegen und zu schützen das Land mit ihrer Macht,

Drum alle, die da wohnen, um ihn im weiten Kreis,
Die wissen viel zu sagen zu seinem Ruhm und Preis,
Die schau'n aus Nah und Ferne, gar froh zu ihm hinauf -
Als hing ihr Glück und Segen dort an des Turmes Knauf,

Und zögen sie aus dem Lande, und auch noch weiter fort,
Und wären sie viel Meilen vom ihm an einem Ort,
Des Riesenfingers dächten sie noch in jeder Stund,
Den Riesenfinger preiste doch früh und spät ihr Mund.

Nicht viele, die auf immer ihm möchten ferne sein,
Es fasst gar bald jedweden nach ihm der Sehnsucht Pein,
Sie könnten nirgends werden des Lebens froh als da,
Wo ragen sonst ihr Auge den Riesenfinger sah.

Leicht mögt ihrs auch erraten, wo jener Finger ist,
Der also kühnlich raget empor seit langer Frist,
Der also kühn getrotzet so manchem grimmen Sturm,
Das ist am Stephansdome zu Wien der stolze Turm.

Leicht ist's auch zu erraten, wer jene möchte sein,
Die stets des Riesenfingers gedenken nur allein.
Die, wenn sie von ihm ließen, verfolgte bittre Reu,
Das sind die wackren Wiener mit ihrer alten Treu.

Entnommen: A. Realis: Curiositaten und Memorabilien-Lexicon von Wien, Anton Köhler Verlag, Wien, 1846. S. 37 ff.



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